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Der literarische Bretagne-Krimi: „Selbstjustiz“ von Tanguy Viel

Der literarische Bretagne-Krimi: „Selbstjustiz“ von Tanguy Viel

Im letzten Stopover meiner Krimiroute durch die Bretagne habe ich dich ja nach Brest mitgenommen. Und wenn du schon mal hier bist – bleib doch noch ein bisschen. Denn auch Tanguy Viels Krimi „Selbstjustiz“ nutzt die Hafenstadt beziehungsweise eine namenlose Halbinsel vis-à-vis als Kulisse. Wie Anlagebetrug und Verzweiflung sich zu einem handfesten Mord hochschaukeln und was du rund um die Handlungsorte des Krimis so alles erleben kannst, verrate ich dir im Folgenden.

Der Krimi „Selbstjustiz“

Darum gehts: Gleich zu Beginn wirst du Zeuge des Mordes: Martial Kremeur stößt den Bootseigner Antoine Lazenec ins Wasser und lässt ihn ertrinken. Die Hintergründe der Tat schildert er dem Richter und dir, in einer knappen, präzisen Sprache. Von Lazenec, der in das Dorf kommt und investieren, ein „St. Tropez der Bretagne“ entstehen lassen will. Der viel redet und viel Geld kassiert, von der Gemeinde genauso, wie von gutgläubigen Anlegern.

Doch das vollmundig versprochene Projekt kommt nicht. Auch Kermeur steckt seine letzten Francs in die Luftschlösser – und verliert sein ganzes Vermögen. Du wirst Zeuge einer angekündigten Katastrophe, die auf ihren Protagonisten zurollt. Er kann sie nicht abwenden. Erwan, sein 17-jähriger Sohn, versenkt in seiner Wut die Luxusjacht des windigen Investors (und ein paar andere mit), landet im Gefängnis. Das ist der Zeitpunkt für Kremeur, aus der Lethargie des Scheiterns zu erwachen: „Ein Typ wie der, Herr Richter, das habe ich inzwischen begriffen: So einer verschwindet nie, Sie müssen schon selbst dafür sorgen. Sonst kommt der zurück. Immer wieder.“ Der schmale Band ist von einer unglaublichen Intensität. Kopfkino pur.

Fotos: (c) I. Yannick Le Gal, II. Ronan Gladu, III. Pierre Torset

Über den Autor Tanguy Viel

Tanguy Viel ist in Brest geboren und aufgewachsen. „Als ich anfing zu schreiben, so mit 18, 20 Jahren“, so Viel in einem Interview mit Paris Match, „da haben sich die Landschaften (des Finistère) und die Stadt schnell durchgesetzt.“

Auf den Spuren des Romans unterwegs

Die Halbinsel, auf der Selbstjustiz spielt, ist nicht näher benannt, sie liegt gegenüber der Bucht von Brest: „(…)In einem Städtchen wie unserem braucht jedes Ding seinen Spitznamen, damit es zu uns gehören kann, also wurde dieses seit Langem nicht mehr bewohnte Haus auch seit Langem schon Schloss genannt, wie es da stand, hoch über dem Hafenbecken aufragend, als mache es gegen die Stadt auf der anderen Seite des Hafens Front. Sie verstehen, sagte ich zum Richter, mit „wir“ meinten wir nicht die Stadt. Nein, „wir“, das war die Halbinsel gegenüber.“

Solche Aus- und Einsichten bekommst du an der Nordküste der Halbinsel rund um Plougastel-Daoulas. Das Gebäude, das Pate gestanden haben könnte, thront ein paar Landzungen weiter südlich, bei Logonna-Daoulas an der Pointe du Château. In der Nähe findest du den familiären Campingplatz Camping du Roz. Der Schauplatz ist aber – ähnlich wie die Insel Belz bei Grand – als Modell für eine Region zu sehen. Arbeitsplätze werden vernichtet, der Tourismus ist am Ort vorbei gezogen und windige Spekulanten wittern das schnelle Geld.

In den Sand gesetzte Immobilienprojekte gibt es an der französischen Küste fast überall. Zehn Kilometer von meinem Wohnort machte das Geisterdorf in Pirou lange Jahre Schlagzeilen, bis es Anfang 2017 abgerissen wurde. Der Roman „Selbstjustiz“ ist auch eine Einladung, das Seelenleben des heutigen Frankreich zu erkunden. Nicht immer braucht es kriminelle Machenschaften, um Menschen Zukunft und Perspektive zu rauben. Die (anhaltende) soziale Schieflage im Land, gerade in den ländlichen Regionen, ist das Gegenwartsthema überhaupt, wie die Proteste der Gelbwesten die letzten Monate gezeigt haben.

N/A
Stand: 20.07.2019 07:17 Uhr
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Titelbild:
Hintergrundfoto: (c) razvanphoto/Depositphotos.com
Buchcover: (c) Verlag Wagenbach


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