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Campergespräche: Marga & Willy

Campergespräche: Marga & Willy

Ihre Lebensgeschichten könnten unterschiedlicher nicht sein: Willy (67), ein aus der Ex-DDR ausgewiesener Rentner, seit fast 12 Jahren Vollzeit-Nomade im umgebauten Mercedes-Lkw, und Marga (52), Mexikanerin, Mutter von zwei Söhnen und früher Bankangestellte in ihrem Heimatörtchen. 

Als sich ihre Wege 2007 kreuzen und in einer echten Road-Trip-Liebe mit tierischem Familienzuwachs münden – Hund Scotty und Kater Georgie, die mittlerweile die halbe Welt gesehen haben – werden insbesondere Margas Zukunftspläne gehörig durcheinandergewirbelt. Aber dazu später mehr.

Wir haben die vier Weltenbummler zufällig kennengelernt und durften einige Stunden an ihrem abenteuerlichen Alltag teilhaben.

CamperStyle: Fangen wir mal ganz vorne an. Willy, wie wurdest du zum Langzeit-Reisenden?

Willy: Ich musste im Alter von 21 Jahren die DDR verlassen, weil ich politisch aktiv war. Binnen drei Tagen stand ich vor dem Nichts, musste im „Westen“ wieder von Null starten. Jahrelang habe ich bis zum Umfallen gearbeitet, unter anderem als Lkw- und Spezialtransportfahrer, bis ich 1995 fast an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies mein großes Glück war. Als ich mich nach einem langen Krankenhausaufenthalt wieder halbwegs erholt hatte, entschied ich, endlich das zu tun, was ich schon so lange vorgehabt hatte.

CamperStyle: Was war das?

Willy: Ich wollte reisen – am liebsten nach Kanada. Dafür hatte ich mir bereits 1988 einen Lkw gekauft und ausgebaut, doch der wartete all die Jahre vergeblich auf seine große Tour. Nach meiner Krankheit war es dann endlich soweit. 2003 trennte mich von all meinem überflüssigen Besitz und machte mich auf den Weg. Aus den geplanten zwei Jahren wurden dann zunächst vier, in denen ich neben Kanada auch Alaska, die USA und Mexiko bereiste…

CamperStyle: Und dann kam Marga ins Spiel…

Willy: Genau! 2007 habe ich in Michoacán das Naturschauspiel der Mariposas Monarcas (Monarchfalter) besucht, die sich dort einmal im Jahr zu hunderttausenden versammeln. Dort traf ich Marga – und mir war sofort klar: Das ist meine zukünftige Frau und Reisebegleiterin! Nach drei Tagen habe ich ihr den ersten Antrag gemacht, nach sechs Wochen waren wir verheiratet… (lacht)

CamperStyle: Oh, das ging ja schnell! Warst du auch so schnell entschlossen, Marga?

Marga: Nicht wirklich… Ich war ehrlich gesagt ziemlich überfordert. Wir konnten uns ja zu der Zeit überhaupt nicht verständigen, denn ich sprach kein Wort Deutsch, Willy kein Spanisch. Mein jüngerer Sohn Luis Fernando, damals 14, konnte ein bisschen Englisch und musste den Heiratsantrag übersetzen!

CamperStyle: Aber es hat ja dann doch noch geklappt…

Willy: Ja, aber die Hochzeit war ein totales Desaster – denn Marga war schlichtweg nicht anwesend! (beide lachen sich kaputt)

Marga: Ich war an dem Tag ganz normal in der Arbeit, als plötzlich eine meiner Kolleginnen hereinstürzte und sagte, ein Herr wolle mich am Telefon sprechen. Das war einer der Trauzeugen, der mir mitteilte, dass Willy auf dem Standesamt auf mich warte, weil wir doch heiraten würden. Ich hab mich dann ganz schnell fertig gemacht und bin losgerannt. Nach dem Ja-Wort haben wir im kleinen Kreis gefeiert, da gab’s dann immerhin auch Blumen und Kuchen…

Willy: Romantisch, wa?

CamperStyle: Äh ja, ziemlich… Ging es denn auch so chaotisch weiter?

Marga: Hmmmm, doch, schon… Nach der Hochzeit wollte Willy sofort weiterziehen – ihn hält es nie lange an einem Ort. Ich habe eingewilligt, weil ich dachte, wir würden nur in einen etwas längeren Urlaub fahren. Doch da hatte ich die Rechnung mal wieder ohne Willy gemacht. Ich musste noch drei Monate weiterarbeiten, dann habe ich gekündigt und wir sind nach Alaska aufgebrochen. Erst nach etwa anderthalb Monaten auf Reisen ist mir so richtig klar geworden, dass wir wohl für längere Zeit unterwegs sein würden.

CamperStyle: … da gab’s dann wohl ordentlich Ärger?

Willy: Allerdings. Das erste Jahr war ohnehin sehr stressig, denn mit 60 und 45 Jahren waren wir beide natürlich „fertige“ Persönlichkeiten mit all unseren Ecken und Kanten. Und wir hatten ja quasi die Katze im Sack gekauft (lacht). Für Marga war es sehr schwer, nach dem Tod ihres ersten Mannes plötzlich wieder in einer Partnerschaft zu sein. Außerdem wollte nur einer ihrer Söhne, der jüngere, uns auf der Reise begleiten. Sie war also zum ersten Mal von ihrem zweiten Kind und dem Rest ihrer Familie getrennt, dazu noch mit mir auf so engem Raum…

Marga: Ich konnte mich anfangs nicht so recht an dieses Leben gewöhnen. Aber durch die Prinzipien unseres Glaubens, wir sind beide Zeugen Jehovas, haben wir uns irgendwie zusammengerauft.

CamperStyle: Wie geht es dir heute, nach all den Jahren „on Tour“?

Marga: Wunderbar, ich genieße es! Zum einen ist Willy ein toller Mann, der – anders als viele mexikanische Männer – im Haushalt mit anpackt, mir meine Freiheiten lässt und sehr viel Verständnis für mich hat. Auch meine Söhne verehren und lieben ihn wie einen eigenen Vater. Zum anderen haben wir gemeinsam so viel erlebt. Nach unserer Zeit in Alaska verbrachten wir nochmals eine Weile in Mexiko, bevor wir – diesmal ohne meinen Sohn, der lieber in der Heimat bleiben wollte – drei Jahre in ganz Südamerika herumgereist sind. Vor einigen Monaten begann dann für mich ein weiteres Abenteuer: Europa! Hier wollen wir noch mindestens zwei Jahre bleiben…

CamperStyle: Was genau gefällt dir denn besonders an diesem Vagabunden-Leben?

Marga: Ich habe gelernt, mir selbst, aber auch Orten und Eindrücken mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wieder echte Freude zu empfinden über kleine Dinge. In meinem früheren Leben drehte sich sehr viel um materiellen Besitz – Möbel, Kleidung, Geld. Das alles hat an Bedeutung verloren, mein Alltag ist viel einfacher geworden. Und natürlich sehe ich jetzt Länder und Gegenden, von denen ich zuvor nicht mal zu träumen gewagt hätte.

CamperStyle: Beim Stichwort „Geld“ würden wir gerne nochmal nachhaken – wie finanziert ihr denn diesen Lifestyle? Von irgendwas muss man ja auch Essen, Benzin, Ersatzteile usw. bezahlen…

Willy: Das stimmt schon, und es ist nicht immer leicht. Wir leben von unseren Pensionen, aber eine sorgfältige Einteilung der Ressourcen ist wichtig. Deshalb übernachten wir fast nur auf kostenlosen Stellplätzen oder wild, kaufen Sonderangebote, kochen wir fast immer selbst – wir lieben gutes Essen und Marga ist eine fantastische Köchin! – und schränken unseren Konsum stark ein.

CamperStyle: Also wird euer Abenteuer noch eine Weile weitergehen?

Marga & Willy: Ja, im Moment denken wir noch nicht ans Aufhören. Erst, wenn es gesundheitlich nicht mehr geht – und das wird leider irgendwann der Fall sein – werden wir vermutlich sesshaft. Diesen Moment wollen wir so lange wie möglich hinauszögern. Es gibt noch so viel zu sehen!

CamperStyle: Dann drücken wir ganz feste die Daumen und wünschen euch noch viele wunderschöne gemeinsame Erlebnisse! Vielen Dank für die Einblicke in euer bewegtes Leben und alles erdenklich Gute!


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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. sind die beiden grad in Düsseldorf?
    hab sie seit ich sie in Argentinien kennen gelernt hab etwas aus den Augen verloren. Im Juni waren se noch in Bosnien aber Marga vernachlässigt ihr facebook zur Zeit etwas.

    1. Hi Axel, wir haben gestern Post von den beiden aus Frankreich bekommen. Da machen sie Zwischenstopp, bevor sie nach Spanien und Marokko weiterziehen – Klang so, als würde es ihnen richtig gut gehen 🙂

  2. Hi,

    tolle Geschichte, machte so richtig Spaß zu lesen – die Zwei würde ich auch gern mal kennenlernen. Würde mir noch mehr solcher Geschichten wünschen.
    Hoffe, wir treffen uns auch mal „on the road“.

    Liebe Grüße von den 3 G`s
    Ute, Zeenat und Alina

    1. Hi ihr 3! Vielen Dank für euren lieben Kommentar! Ab nächstem Jahr sind wir wieder öfter on Tour, so dass die Chancen auf ein Treffen rapide steigen werden 🙂 Euer Blog und euer Lifestyle sind richtig cool, vielleicht möchtet ihr ja auch mal für unsere Campergespräche mit uns quatschen? Liebe Grüße! Nele & Jalil

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