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Erfahrungsbericht: Camping in Corona-Zeiten

Erfahrungsbericht: Camping in Corona-Zeiten

Einfaches Leben an der frischen Luft oder dünkelfreier Umgang mit Freunden und der Nachbarschaft – das sind einige der vielen Vorzüge beim Campen. Auf Campingplätzen ist das aber mit viel Nähe behaftet, die wir seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie so nicht mehr leben können. Wie verändert die Covid-19-Pandemie das Campingleben? Meine Familie und ich wollen es genauer wissen und ziehen kurz nach der Wiedereröffnung der bayerischen Campingplätze 2020 los. Unser Ziel ist der Campingpark Gitzenweiler Hof in Lindau.

Corona-Regeln für Campingplätze

Die gesetzlichen Verordnungen und Empfehlungen sind erst einmal die gleichen wie anderswo auch. Das heißt: mindestens 1,5 Meter Abstand halten, es sei denn, man ist nicht dazu verpflichtet. Dann gelten Hygienevorschriften wie regelmäßig Hände waschen und immer wieder mal desinfizieren. Mund-Nasen-Schutz in geschlossenen, engläufigen Innenbereichen.

Etwas spezieller sind die Verordnungen im Sanitärbereich. Obwohl die Sanitätshäuser (unter den genannten Vorgaben) geöffnet werden, sind nur Einheiten mit autarker Sanitäreinrichtung auf Campingplätzen zugelassen. Heißt konkret: die Zeltwiese bleibt vorerst leer. Diese Regel zeigt aber auch Interpretationsspielräume. Wie in den meisten Caravans ist auch in unserem Fendt keine Dusche eingebaut. Ist das nun ein Regelbruch, weil man zum Duschen ins Sanitärhaus muss oder spielt das keine Rolle, schließlich kann man sich am Waschbecken auch mit einem Waschlappen sauber machen?

Schon beim Check-in zeigen sich Veränderungen

Vorab informieren wir uns über die Website des Campingparks. Die konkreten Auflagen werden erst in der Öffnungswoche bekannt. Deshalb werden keine Reservierungen angenommen, telefonische Auskünfte gibt es nicht. Wer kommen will, soll kommen, es wird sich schon ein Plätzchen finden. Obwohl wir uns kurzfristig ankündigen, gelingt es den Hausdamen, innerhalb eines Tages den Wohnwagen bezugsfertig zu machen. Wir sind glücklich darüber und gespannt auf den Ablauf des Check-Ins.

Als wir ankommen, ist wenig Betrieb und in der Rezeption kommen wir gleich an die Reihe. An der sonst offenen Holztheke erwarten uns Plexiglaswände, dahinter die Mitarbeiter mit Gesichtsvisieren aus Plexiglas. Als wir einfahren, strahlt mein Sohn (7): „Ich hab‘ das hier so lange vermisst“.

Der große Run? Von wegen…

Viele Gäste sind verunsichert und kommen erst gar nicht, wenn sie nicht reservieren können. Ich frage bei Eigentümerin Heidrun Müller nach. Sie erzählt: „Nervenaufreibend war die Ungewissheit. Wann dürfen wir öffnen? Zu welchen Konditionen wird wieder hochgefahren? Welche Auflagen sind zu erbringen? Können wir das leisten?“ Als „Gift“ bezeichnet sie die voreiligen Prognosen verschiedener Verbände und Medien, wonach die Campingplätze überrannt würden. Die Belegung liegt bei nur knapp 70%. Sonst liegt sie in den Pfingst- und Sommerferien bei gefühlten 120%. Der Gitzenweiler Hof ist hier kein Einzelfall, wie mir Heidrun Müller versichert: „So geht es auch unseren Kollegen in Lindau am See. Das gleiche Szenario, ebenso in Kressbronn beim Campingpark Gohren. Auch die Hotels in Lindau klagen über das zurückhaltende Verhalten beim Reisen mit Übernachtung. Tagestouristen gibt es genügend, doch in fremde Betten traut sich noch nicht jeder!“ Corona-Reisen ist für viele eher Ausflugszeit.

Trotz allem: endlich wieder campen!

Nach unserem Einzug in den Bianco Selection 550 SKM, den Fendt-Caravan auf dem „Gitz“ für Journalisten zur Verfügung gestellt hat, zieht es uns auf den zentralen Platz des Campingparks, wo sich die Rezeption, die Gastroangebote, der Supermarkt, die Bühne und andere Services befinden. Ein Treffpunkt für viele Menschen eben. Der Platz war früher dicht mit Bierbänken bestellt, von denen jetzt noch gefühlt ein Viertel stehen. Sie sind dünn besetzt und es ist kein Problem, einen Platz zu bekommen. Obwohl das Wetter wunderbar ist, ist die Stimmung etwas traurig. Die typische Gelöstheit im Urlaub ist einer Mischung aus Verunsicherung, Disziplin und Freundlichkeit gewichen. Es ist eben Umlernen angesagt.

Es ist Pfingstmontag und der dritte Tag seit der Wiedereröffnung. Eines der Gastroangebote ist Udos Hütte, ein Imbisstand mit freundlichen Betreibern. Ich freue mich auf ein Wiedersehen und erschrecke schon etwas, als ich auf die Hütte zugehe. Wo sonst Stehtische mit geselligen Menschen stehen, ist alles ist ziemlich vernagelt durch Stellwände mit Ein- und Ausgang. Die Ausgabe hinter den Stellwänden ist ebenfalls zugebaut mit Plexiglasscheiben. „Servus, kennst mi no?“, frage ich die Bedienung mit neuem Bart, Maske und langen Haaren. „Ja“, sagt sie lächelnd, „aber ich hab dich eher an der Kamera wiedererkannt“. „Tolle Wurst“, denke ich, „Corona macht Gesichtsmerkmale zur Ausfallstufe“. Sei’s drum: die Gschwollne schmeckt immer noch gut.

Vieles fehlt oder verwandelt sich

Der Gitzenweiler Hof ist bekannt für sein umfangreiches Angebot für alle Altersgruppen. Viel davon fällt coronabedingt aus, genau wie bei den meisten anderen Campingplätzen: Freibad (vorerst) geschlossen, keine Gruppenausflüge mit Wanderungen oder Verkostungen, geschlossener Friseursalon. Für uns ist vor allem das geschlossene Bad eine Enttäuschung.

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs ist noch nicht klar, wann und wie Bäder in Bayern wieder geöffnet werden, während ein paar Kilometer weiter in Baden-Württemberg ab 6. Juni der Betrieb wieder startet. Klar ist auch: das Animationsprogramm für Kinder kann nicht mehr wie früher stattfinden. Dreimal täglich Disco an der Bühne oder im Pool mit bis zu 150 kreischenden Kids samt Eltern geht ebenso wenig wie die großen Bastel- und Spielrunden im platzeigenen Gitz-Haus, auch die (Ball-)Spielplätze sind verwaist. Man darf zwar drauf, aber die Abstandsregel verhindert eigentlich halbwegs spaßiges Spielen.

Das Beste draus machen

Dennoch hat sich das Animationsteam etwas einfallen lassen. Nachmittags ist sogar ein bisschen Tanz möglich. Auf der großen Wiese hinter der Bühne werden Parzellen markiert, in die maximal je fünf Kinder reindürfen. Der Sound kommt mobil aus dem Brüllwürfel im Camping-Leiterwagen und das Team tanzt die Gits-Hits wie immer vor. Aber sonst gilt schon ziemlich strikt: Abstand wahren! Das Programm für Kinder ist vorwiegend to go. Drei Beispiele:

  • Die Rallye: Jedes Kind bekommt einen Zettel mit Aufgaben und aus den verschiedenen Antworten ergibt sich ein Lösungswort.
  • Basteln-to-go: Kinder oder kleine Gruppen können das Gitz-Haus in gebührlichem Abstand betreten. Dort sind einzelne Stationen aufgebaut, an denen sich die Kinder mit Mal- oder Bastelaufgaben bedienen und in der eigenen Parzelle bearbeiten können.
  • Geburtstagsüberraschung: Es gehört zur Tradition auf dem Gitz, dass Geburtstagskinder vom Team besucht werden und ein Ständchen mit Tortenhüten bekommen. Die Mitarbeiter tragen zusätzlich Visiere. Irgendwie trist.

Es verdient wirkliche Bewunderung, dass sich das Team so viel einfallen lässt und sich vor allem die Laune nicht versauen lässt. Dennoch macht es mich ein bisschen traurig, es geht einfach viel Unbedarftheit verloren. Aber: es geht auch so. Wir müssen eben umlernen, wenn wir uns und unsere Mitmenschen bestmöglich schützen wollen.

Corona-Camping-Fazit: Das wird schon!

Menschen müssen sich anders verhalten als bisher, wenn Virenschutz ein fester Bestandteil unseres Alltags werden sollten. Das Campingplatzleben konzentriert sich stärker auf die Stellplätze und vieles von der emotionalen Annäherung unter Gästen ist (vorübergehend?) verloren. Dennoch steht Camping nicht in Frage. Trotz der Einschränkungen und Umstellungen kann ich klar sagen: Corona-Einkaufen im Supermarkt ist viel unangenehmer als Corona-Campen!

Zum Autor:

Stefan ist Journalist, Webdesigner und Vater von zwei Kindern. Auf tourstory.de berichtet er über Reisen mit Freizeitmobilen sowie über kulturelle und kulinarische Highlights.

Fotos: (c) Stefan Blanz

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