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Interview: Die Zukunft der Caravaning-Branche

Interview: Die Zukunft der Caravaning-Branche

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In Zeiten von Klimakrise, Diskussionen um CO2-Steuern und Diesel-Fahrverboten machen auch wir uns viele Gedanken über die Reise- und Lebensform Caravaning. Werden wir weiterhin unserem Hobby frönen können? Gibt es künftig noch mehr Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit? Wird sich die Elektromobilität so weit entwickeln, dass sie auch im Reisemobilsektor realistisch einsetzbar wird? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, haben wir zwei Experten unseres Partners AL-KO Fahrzeugtechnik befragt, die sich bereits intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Außerdem konnten wir die neuesten Entwicklungen von AL-KO auf dem Caravan Salon näher in Augenschein nehmen.

Hans Posthumus (Leiter Marketing) und Thomas Goertler (Leiter Strategisches Produktmanagement) standen uns im Interview Rede und Antwort.

CamperStyle: Vor welchen Herausforderungen steht die Caravaning-Branche aktuell?

Hans Posthumus - Leiter Marketing AL-KO Fahrzeugtechnik

Hans Posthumus, Leiter Marketing AL-KO Fahrzeugtechnik

Hans Posthumus: Vor dem Hintergrund von CO2 Grenzwerten, Umweltzonen und Fahrverboten sind Reisemobilisten und Caravaner teilweise verunsichert. Immer mehr urbane Bereiche werden für Diesel-Fahrzeuge gesperrt, auf der anderen Seite bietet das derzeitige Angebot bei den alternativen Antrieben noch nicht die Möglichkeiten, ausreichende Reichweiten und Anhängelasten für Reisemobile und Caravan-Zugfahrzeuge zu realisieren. Bis auf wenige Ausnahmen, die wahnsinnig teuer und daher noch nicht massentauglich sind, gibt es derzeit in unserer Branche noch keine vollelektrischen Alternativen.

Gleichzeitig sind die gesetzlichen Vorschriften bei der zulässigen Gesamtmasse so eng gefasst, dass ich mit der Führerscheinklasse B oder B96 nur Fahrzeuge und Gespanne bis zu einem Gewicht von 3,5 bzw. 4,25 t bewegen darf. Das ist aufgrund der immer umfassenderen Zusatzausstattung schon jetzt ein Problem. Hier stoßen die aktuell verfügbaren, bewährten Materialien, die für den Freizeitfahrzeugbau verwendet werden, auch langsam an ihre Grenzen. Material-Alternativen wie Aluminium oder Faserverbundstoffe (z.B. CfK) wären zwar denkbar, aber bislang zu teuer für preislich attraktive Gesamtpakete.

CamperStyle: Das klingt nach einem größeren Dilemma – wie könnte man es lösen?

Thomas Goertler - Leiter Strategisches Produktmanagement AL-KO Fahrzeugtechnik

Thomas Goertler, Leiter Strategisches Produktmanagement AL-KO Fahrzeugtechnik

Thomas Goertler: Zum einen müssen wir in Zukunft verstärkt auf Leichtbau setzen. Hier haben wir mittlerweile eine Entwicklungsstufe erreicht, in der mit den bisherigen Materialien durch eine noch effizientere Bauweise bis zu 30% Gewichtseinsparungen am Chassis möglich sind.

Zum anderen gehen wir davon aus, dass in Kürze auch neue, leichtere Materialien zu einem vernünftigen Preis verfügbar sein werden. Der Bedarf z.B. an kohlefaserverstärkten Kunststoffen (CFK) im Flugverkehr und in der E-Mobilität ist ja enorm, so dass die Hersteller ihre Kapazitäten nach oben fahren und die Herstellungsverfahren verbessern werden, um die steigende Nachfrage zu bedienen.

Zum Beispiel bei der Kohlefaser – Rohstoff für CFK und viele Verbundwerkstoffe – ist schon jetzt abzusehen, dass sich die Kapazitäten in Ländern wie China in den nächsten ein bis zwei Jahren verdoppeln werden. Das wird dafür sorgen, dass die Preise erheblich fallen und CFK auch u.a. für den Reisemobil- und Caravansektor attraktiver werden.

Unser Ziel ist, möglichst nachhaltige, zielgruppengerechte Lösungen anzubieten, die für den Kunden aber in einem realistischen Preiskorridor liegen.

CamperStyle: Wie schätzen Sie die Chancen der E-Mobilität im Reisemobilsektor allgemein ein? Können wir bald mit bezahlbaren und reichweitenstarken vollelektrischen Serienmodellen rechnen?

Thomas Goertler: In der reinen Batterie-Elektrik geht die Reichweite derzeit mit überproportional hohem Gewicht einher. Oder anders ausgedrückt: Die Batterien der heutigen und morgigen Generation sind im Vergleich zur Leistung noch viel zu schwer. Deshalb müssen Kunden, die sich eine höhere Reichweite wünschen, auf eine Menge Zuladung verzichten.

Unter den momentanen Voraussetzungen sind in der Regel für Reisemobile batterie-elektrische Reichweiten von 150 bis 250 Kilometern realistisch. Wenn ich während der Fahrt zusätzliche Verbraucher wie Heizung, Klimaanlage, Licht oder Kühlschrank betreiben will, muss ich mit erheblichen Reichweiteneinbußen rechnen. Die Ladeinfrastruktur ist in Europa noch nicht flächendeckend ausgebaut, es fehlen insbesondere Schnellladestationen, die dieses Manko abfedern könnten.

Komfortabler wäre das mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle (Fuel Cell). Hier liegt die Reichweite bereits jetzt nahe am heutigen Dieselmotor, eventuell sogar darüber. Doch die Fertigung ist technisch sehr komplex, so dass die Kosten um ein Vielfaches höher sind als für rein batterie-elektrische Fahrzeuge. Dies wird sich meiner Einschätzung nach auch in absehbarer Zeit nicht ändern, zumal aktuell enorme Summen in die Entwicklung der Zell- und Batteriefertigung in DE und EU investiert werden und diese Technologien zusätzlich durch die Regierung massiv gefördert werden.

CamperStyle: Also ist keine wirkliche Lösung für Reisemobile in Sicht?

Thomas Goertler: Rein batterie-elektrisch oder wasserstoffbetrieben in der Tat momentan nicht oder nur sehr eingeschränkt. Eine optimale Übergangslösung stellt in unseren Augen der Hybrid-Antrieb dar. Durch die Kombination von Verbrenner und E-Motor verbindet er das „Beste aus beiden Welten“. In urbanen Räumen oder Landschaftsschutzgebieten ist durch den E-Antrieb emissionsfreies Fahren möglich. Auf Überlandstrecken schaltet sich der Verbrenner zu und wird durch den E-Motor unterstützt – das sorgt dafür, dass bis zu 30% weniger Kraftstoff verbraucht und damit auch weniger CO2 ausgestoßen wird.

Während der Fahrt werden die Batterien durch Rekuperation geladen und der Aufbau elektrisch versorgt. Außerdem ist es möglich, mit einer zusätzlichen, temporären Allrad-Funktion, das Fahren auf losem oder rutschigem Untergrund zu unterstützen.

Vor allem für Gespanne ist dies aus unserer Sicht der einzige momentan gangbare Weg, denn ein Anhänger reduziert die Reichweite von E-Fahrzeugen ohne Rekuperation um bis zu 70%. Mit Hybrid-Antrieb könnte dieses Problem behoben werden.

CamperStyle: Jetzt haben wir ja vorhin gehört, dass das Gewicht der Batterien bei E-Fahrzeugen ordentlich zu Buche schlägt und die Fahrzeuge damit für die “normalen” Führerscheine zu schwer werden.

Hans Posthumus: Das ist in der Tat ein Zielkonflikt – um emissionsfreies oder -armes Fahren zu ermöglichen, muss ich unter dem Strich etwas Zusatzgewicht mit mir herumschleppen. Das bedeutet, dass bei Reisemobilen oft keine brauchbare Zuladungsreserven mehr vorhanden wären. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, dieses Mehrgewicht “neutral” zu behandeln.  Für Nutzfahrzeuge mit E-Kennzeichen gibt es bereits Anreize, wie die Ausnahme-Verordnung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Danach ist es möglich, elektrisch betriebene Kleintransporter bis zu 4,25 Tonnen mit einem Pkw-Führerschein zu fahren. Das Gewicht der Batterie bleibt bei der Bestimmung der Fahrzeugklassen außen vor.

Thomas Goertler: In anderen Ländern, zum Beispiel England, ist diese „gewichtsneutrale Berücksichtigung“ bereits in der Umsetzung. Die Nutzfahrzeugbranche in Deutschland diskutiert das Thema ebenfalls intensiv und hat über Verbände entsprechende Initiativen gestartet. Auch im zuständigen Ministerium wurde das Problem erkannt – das ist schon mal ein erster wichtiger Schritt, der allerdings bislang ohne Ergebnis geblieben ist. Insgesamt muss diese Problematik europaweit angegangen werden, um sowohl im Nutzfahrzeugbereich als auch bei den Freizeitfahrzeugen sinnvolle und zukunftsträchtige Lösungen zu schaffen.

Die gesetzlichen Vorgaben zur CO2-Reduktion sind ja schon konkret vorhanden und müssen jetzt auch zeitnah, nämlich schon ab 2020, umgesetzt werden. Um alternativen Antriebsformen den Marktzugang zu erleichtern, sind Politik und Gesetzgeber am Zug. Sie müssen die Motivation bei Herstellern und Kunden erhöhen – dies kann auf der einen Seite über Vergünstigungen und Förderungen für die neuen Antriebe erfolgen, auf der anderen über höhere Steuern oder Geschwindigkeitsbegrenzungen für reine Verbrenner.

CamperStyle: Gibt es neben der reinen Batterie-Elektrik, der Brennstoffzelle und dem Hybrid-Antrieb noch weitere Alternativen, die sich vielleicht parallel entwickeln könnten?

Thomas Goertler: Die Kfz- und die Mineralölbranche arbeiten bereits an CO2-optimierten, synthetischen Kraftstoffen – denn wenn das Verbrennen von herkömmlichen Kraftstoffen irgendwann nicht mehr erlaubt ist, müssen andere Möglichkeiten schon ausgereift sein und bereitstehen. Doch hier steht man vor denselben Herausforderungen wie in der Batterie-Elektrik und beim Wasserstoff: Infrastruktur, Preis, flächendeckende Verfügbarkeit von Tankstellen usw.

Eine interessante Alternative könnten Gasmotoren darstellen. Hier ist die Abdeckung schon sehr gut, auch im Ausland.

Ich schätze daher die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ein, dass sich mehrere Lösungen parallel entwickeln und über einen längeren Zeitraum nebeneinander bestehen bleiben. Dies würde die Anwendungsmöglichkeiten deutlich erhöhen, da ja jede Antriebsform für die verschiendenen Nutzungen unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Hans Posthumus: Unstrittig ist aber auch, dass fossile Brennstoffe endlich sind – der Zenith ist vermutlich schon überschritten. Die Suche nach Alternativen ist deshalb unausweichlich. Zugleich ist die Erzeugung und Nutzung regenerativer Energien langfristig einfacher und günstiger. Wir sehen die batterie-elektrische Lösung in punkto Preis-Leistung und Flexibilität für die Zukunft sehr weit vorne und fokussieren uns deshalb in unseren eigenen Projekten und Konzepten in erster Linie darauf. Und die Nachfrage nach solchen Angeboten nimmt spürbar zu. Wir rechnen in den nächsten 3 bis 5 Jahren mit einer signifikanten Steigerung  und bereiten uns entsprechend vor.

CamperStyle: Bei AL-KO sieht man den Entwicklungen also gelassen entgegen…

Thomas Goertler: Ja, wir gehen die Sache optimistisch an und möchten den Fortschritt mitgestalten. Denn meist ist es ja so: Man wird mit einem Problem konfrontiert – aber wenn man sich eingehender damit beschäftigt, kommt man auf Lösungen, die langfristig viele Vorteile mit sich bringen. Für uns ist es sehr inspirierend, solche Herausforderungen aktiv anzugehen und neben der eigentlichen Problemlösung noch zusätzliche Möglichkeiten zu entdecken, die vorher vielleicht undenkbar erschienen.

Hans Posthumus: Das kann ich so unterschreiben. Für uns ist die Umsetzung der neuen Vorschriften nicht nur eine Pflichtaufgabe, sondern bringt auch einen erheblichen „Spaßfaktor“ mit sich. Denn mit moderneren Technologien lassen sich ja auch viele weitere spannende Dinge umsetzen, zum Beispiel in der Fahrzeugtechnik und im Aufbau selbst. Ich denke da unter anderem an die Themen Boost-Funktion beim Beschleunigen, neue Möglichkeiten des Diebstahlschutzes, innovative Connectivity-Lösungen, Anfahrhilfe, semi-autonome Fahrfunktionen, etc.

CamperStyle: Welche Zukunftsvision sehen Sie vor sich – wie könnte sich das Reisen und Campen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern?

Thomas Goertler: Durch die Integration von eigenen bzw. zusätzlichen Antriebssystemen im Reisemobil aber auch im Caravan, lassen sich zukünftig Funktionalitäten wie automatisches Einparken, automatisches Ankuppeln, autonome Energieversorgung des Aufbaus, etc. realisieren oder zumindest effektiv unterstützen.

Weiter wird speziell im Caravan- und Anhängerbereich die Fahrsicherheit und das aktive Eingreifen des Anhängers bei Gefahrensituation eine interessante Evolution erfahren.

Mittelfristig ist auch die Versorgung bzw. Unterstützung von reinen E-Fahrzeugen mit elektrischer Energie durch den Anhänger/Caravan denkbar. Gleiches gilt für die Nutzung dieser Fahrzeuge/Anhänger/Caravans als dezentrale Energiespeicher, wenn diese gerade nicht für ihren eigentlichen Zweck genutzt werden.

Lange Rede – kurzer Sinn: Es gibt einen Blumenstrauß an neuen Ideen und Möglichkeiten, die nur darauf warten realisiert zu werden …und wir bei AL-KO freuen uns darauf, dabei wichtige Beiträge zu leisten.

Wir bedanken und für dieses interessante Interview und sind gespannt, auf welche neuen Entwicklungen wir uns in Zukunft freuen dürfen!


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