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KarTent: Recyclebares Campen auf Festivals

Das Bollern der Generatoren ist verstummt, die Musik längst verklungen und die letzten Festivalbesucher schleichen berauscht von sommerlicher Stimmung und diversen Getränken zum Parkplatz. Was bleibt, ist oft ein riesiger Haufen Müll. Nicht nur Flaschen und Verpackungen, sondern auch viele Zelte sind dabei. Weltweit lässt einer von vier Campern seine Behausung am Ende stehen und fährt einfach weg. Das niederländische Unternehmen KarTent hat deshalb vollständig recyclebare Zelte für mehrtägige Events entwickelt – aus Pappe!

„Natürlich ist uns klar, dass es das beste wäre, wenn jeder sein eigenes Zelt mitbringt, es mitnimmt und viele Jahre benutzt“, erklärt Wout Kommer, Mitbegründer von KarTent. „Wenn jeder das tun würde, dann müsste es uns gar nicht geben. Aber das ist leider nicht so.“ Bunte Zeltplanen flattern noch Tage nach den großen Open-Air-Events traurig durch die Landschaft. 25.000 Zelte enden allein in den Niederlanden jährlich als Müll! Da vergeht mir jegliche Partystimmung. „Die Menschen haben einen Kater, sind müde und faul. Also bauen sie nichts mehr ab und fahren einfach nach Hause.“ Auch, weil Zelte inzwischen bei Discountern sehr günstig zu haben sind.

KarTent: Der etwas umweltfreundlichere Müll

Dagegen hat KarTent ein Konzept entwickelt: Das Unternehmen stellt Zelte aus Pappe her, die es auf großen Festivals in Kooperation mit dem jeweiligen Veranstalter anbietet. Die Behausungen können mehrere Tage lang genutzt werden und landen anschließend vollständig beim Recycling. Der Vorteil für die Besucher: Sie können sich das Anschleppen von einem Teil des Camping-Equipments sparen. Der Vorteil für den Veranstalter: Aufräumen muss er ohnehin – aber dann wenigstens umweltfreundlicher. Ein KarTent zu recyceln, verbraucht nämlich nur die Hälfte des CO2, das bei der Verwertung eines herkömmlichen Zelts entsteht.
Für mich kritisch bleibt, wie viele Besucher wegen des Angebots von KarTent nun darauf verzichten, ein wiederverwendbares Zelt mitzubringen – und abzubauen!

Ein Zelt aus Pappe im Regen?

Doch was kann so ein Zelt aus Pappe eigentlich? Zwei Personen finden darin Platz. Der Schlafplatz ist 1,60 Meter mal 2,40 Meter groß und es bleibt zusätzlich noch Raum für Taschen. Auf den Festivals, die durch KarTent begleitet werden, sind die Zelte für die Besucher sogar schon fertig aufgebaut. Doch auch sonst ist es kein Hexenwerk, das Modul zusammenzusetzen. Was man dem Zelt nicht ansieht: Es wiegt stolze 11,6 Kilo. Jetzt magst du dich wundern, was denn beim festival-typischen Sturzregen passiert. Aber das KarTent ist wasserdicht. „Es besteht aus belastbarer Pappe, die auch in der Logistik eingesetzt wird und mehrere nasse Tage aushalten kann“, erklärt Wout Kommer. „Es verhält sich unter diesen Bedingungen wie ein normales Zelt auch.“ Dann fügt er schelmisch hinzu: „Wir können allerdings nicht sagen, wie bei einem Angriff von Godzilla oder einem Sharknado aussehen würde.”

Auf der Rückseite gibt es eine kleine Klappe für die Belüftung. Verankert wird das Zelt mit Laschen im Boden. Außerdem ist eine Türklingel aufgedruckt. Gut für Augen und Nachtruhe: Das Zelt ist lichtdicht und auch bei frühem Sonnenaufgang vollkommen dunkel. Schlecht für Ohren und Nachtruhe: Es ist nicht schallgedämmt. Also wird man eben doch um 5 Uhr wach, weil die Nachbarn freundlich den Ghettoblaster aufdrehen.

Bestellung und Kosten eines KarTent

Das KarTent ist eigentlich nur für den massenhaften Einsatz bei Festivals gedacht. Daher sind die Kunden überwiegend große Veranstalter. Doch auch als Privatperson kannst du ein KarTent bestellen. Allein der Versand ist jedoch aufgrund des Gewichts und der Größe – selbst gefaltet ist es 2,40 x 1,60 Meter groß! – recht teuer. Und auch wenn es möglich ist, das Zelt in Amsterdam direkt beim Unternehmen abzuholen, wird ein Transport im Auto eher ein sperriger Umzug, als ein gemütlicher Campingausflug. Abgesehen von der Tatsache, dass ein KarTent eben auch nur eine geringe Lebensdauer hat im Vergleich zu einem normalen Zelt.

Das Standardmodell kostet 50 Euro. Daneben gibt es ein kleineres Zelt für Kinder für 35 Euro und eine Mini-Version als Geschenkbox für 6 Euro. Es gibt sogar ein kleines Papphäuschen namens CatTent für den Felltiger. Darunter steht vermerkt: „Designed gemeinsam mit Studio Snorhaar“. Hier liegen die Kosten bei 15 Euro.

Wie KarTent und seine Idee entstand

An der TU Delft traf Kreativkopf und Industriedesigner Wout Kommer eines Tages in der Cleantech Challange auf Architekt Jan Portheine. Für seine Abschlussarbeit hatte Jan ein Projekt mit Strandhäusern aus Pappe entworfen. Gemeinsam mit einem Kollegen stolperten sie schließlich über Bilder völlig vermüllter Wiesen nach dem Glastonbury Festival in England. So entstand die Idee für KarTent.
2017 gewannen die Tüftler sogar den RedDot Award für Produktdesign für ihr Zelt.

Auch wenn die Gründer ihre Erfindung mit viel Humor verkaufen und vielleicht sogar das ein oder andere weggeworfene Standardzelt verhindern, bleibt ein bitterer Beigeschmack. Ist es wirklich nötig, dass recyclebare Pappzelte gebaut werden müssen, weil Menschen nicht imstande sind, einen Campingplatz so zu hinterlassen, wie sie ihn vorgefunden haben? „Ja!“, lautet die traurige Antwort wohl momentan noch. Auch wenn Innovationen wie KarTent kurzfristig helfen, ist ein langfristiges Umdenken für mich hier unbedingt nötig. Hier im Magazin findest du übrigens auch eine Übersicht über Campingregeln auf Festivals.

Fotos (c): KarTent


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War schon immer eher Pippi Langstrumpf als Annika. Arbeitet als freie Texterin und Fotografin bei Zeilenaufbruch und liebt Roadtrips überall auf der Welt.

Lieblingsspots: USA und Südeuropa.

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