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Kolumne: „Ist das noch Camping?“

Kolumne: „Ist das noch Camping?“

Unser lieber Kollege Henning, seines Zeichens Blogger, Wohnmobilbewohner, Facebookgruppen-Aufmischer und bekennender Sarkastiker, wirft in unserer neuen Kolumne einen Blick auf Themen, die die Camperwelt bewegen.

Mit einem Augenzwinkern und dem einen oder anderen bissigen Kommentar analysiert er die oftmals hitzigen Social-Media-Diskussionen rund um Thermomix, Camperhunde, Dickschiffe, Grußverweigerer und Kuschelcamper. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Henning!

Seit mehr als 25 Jahren fahre ich mit Wohnmobilen in der Gegend herum. Das fing 1992 mit einem VW-Bus an, damals noch ohne den theoretischen Unterbau, wie er heute von unzähligen Foren oder Facebook-Gruppen zum Thema Camping geliefert wird. Heute kaum noch vorstellbar, aber zu der Zeit hat man tatsächlich Dinge getan, ohne zuvor im Internet alle Erfahrungen, Tipps und Bedenken der Mitmenschen abzufragen.

Seit dem Frühsommer 2013 lebe ich Vollzeit im Wohnmobil, eine Lebensform von deren Vorhandensein ich erst im Internet erfahren habe, auf legendären Seiten wie AMUMOT oder der inzwischen abgeschalteten Seite von Johnsonglobetrotter, der nach eigenem Bekunden schon seit rund 30 Jahren mobil wohnt. Mit einem eigenen Blog begleite ich mein Leben unterwegs auch und seitdem sind diese Facebook-Gruppen und Camping-Foren mein liebster Zeitvertreib. Ich nenne das den „virtuellen Stellplatz“.

Besonders beliebt im virtuellen Stellplatz ist zum Beispiel die Frage:

„Ist das noch Camping?!“

Hier entstehen immer wieder endlose Diskussionen, die mitunter nur durch beherztes Eingreifen des Admins gestoppt werden können. Ausgelöst werden diese meist durch Bilder von großen oder auch gerne übergroßen Mobilen auf LKW-Basis oder Fragen nach Zubehör wie Thermomix, Saugroboter oder dem mitgeführten Helikopter auf dem Anhänger.

Wer dann die Eingangsfrage stellt, ob das denn „noch Camping“ sei, sieht sich selbst natürlich gern als Purist und letzter Verfechter der reinen Camping-Lehre. Ziemlich schnell kommt aber heraus, dass der auch schon länger nicht mehr auf der Isomatte im Zelt schläft und morgens jedes Steinchen unter dem Bett mit Namen kennt. Die Grenze zwischen dem, was gerade noch und schon nicht mehr Camping ist, darf also als fließend angesehen werden.

Nur mal ein Beispiel:

Ich hatte kürzlich junge Leute mit einem spartanisch eingerichteten VW-Bus als Nachbarn. Die haben mit einem transportablen Kocher gekocht, auf den umgebauten Sitzbänken geschlafen und als Freiluft-Sitzmöbel auf antiken und sehr filigranen Klappstühlen gehockt. Diese Stühlchen hatten allerdings den Vorteil, dass sie wenig Platz verbrauchen. Ich dagegen habe jedes Mal meinen voluminösen Hochlehner aus der Heckgarage gewuchtet. Auf meinen Stuhl deutend, habe ich dann gefragt, ob das noch Camping sei. Wir fanden diese Überlegung alle recht erheiternd und haben uns interessanteren Dingen gewidmet, wie der Umgebung oder dem gemeinsamen Abendessen.

So einfach wie im richtigen Leben geht das natürlich auf dem virtuellen Stellplatz nicht. Da muss das Thema mit größtmöglichem Ernst erörtert werden. Wichtig ist dabei der Grundsatz, dass alles was ich habe, unverzichtbar ist, und das sollten die Anderen auch haben. Was ich nicht habe, ist dagegen entbehrlich und die anderen brauchen es auch nicht, schließlich komme ich ja auch ohne aus. Zum Beispiel ohne den Thermomix, den Saugroboter oder den Helikopter auf dem Anhänger.

Lebe ich im Urlaub gar ohne Fernseher, kann ich mich sogar moralisch etwas über die Mitcamper erheben, denn dann lese ich selbstverständlich ein gutes Buch, während die nur vor der Glotze abhängen. Wer also nach der richtigen Einstellung für die Satellitenschüssel auf Facebook fragt, kann fast sicher sein, mindestens einmal den Tipp zu bekommen, doch komplett auf die Röhre zu verzichten und stattdessen besser mal zu lesen.

Ich gebe ja zu, auch keinen Fernseher zu besitzen. Statt aber zu lesen und mich weiterzubilden, schaue ich meistens den Leuten auf dem virtuellen Stellplatz zu. Ob das besser ist?

Kommen wir nochmals zu den großen und übergroßen Mobilen. Man darf annehmen, dass die meisten Leute, die damit unterwegs sind, eher keinen Urlaub darin machen. Solche Luxushobel stehen oft im VIP-Bereich von Veranstaltungen und die Protagonisten ziehen sich nach dem Event dahin zurück. Meist haben sie das Geld, um sich ein Mobil zu leisten, in dem sie auf nichts verzichten müssen, aber sie haben sehr wahrscheinlich nicht den Ehrgeiz und auch nicht die Zeit, damit ein italienisches Bergdorf zu durchqueren. Die Puristen auf Facebook weisen dann, natürlich völlig zu Recht, aber mit leicht hämischem Unterton, darauf hin, dass das auch nicht möglich sein wird.

Sicher kann man auch nicht leugnen, dass da Neid mitschwingt. Nehmen wir den Saugroboter. Ich habe selten wirklich Lust zur Hausarbeit und wenn da jemand automatisch den Dreck vom Boden aufsammelt, das wäre schon toll. Aber ich habe nun mal keinen Saugroboter. Jetzt kann ich mich dem Gefühl des Neids auf alle Saugroboter-Besitzer hingeben oder mir Gründe überlegen, warum so ein Saugroboter eigentlich Unsinn ist.

Die sind in meinem Fall zum Glück schnell gefunden, denn mein Grundriss im Wohnmobil weist eine Stufe zwischen dem vorderen Bereich mit Küche, Bad und Einstieg und der Hecksitzgruppe auf. Diesen Absatz von 22 cm schafft kein Saugroboter. Darum bräuchte ich eigentlich zwei davon, einen für die Sitzgruppe, den anderen für den Rest. Zwei Saugroboter brauchen zwei Ladestationen, wollen beide Strom verbrauchen, kosten Geld und verbrauchen Platz. Also bleibt es beim Besen, Grummel…

Ich kann aber durchaus nachvollziehen, dass jemand, der tagsüber außerhalb des Mobils arbeitet, und dabei gutes Geld verdient, nach Feierabend keine Lust mehr zum Staubsaugen hat und diese Arbeit lieber von einem Automaten erledigen lässt.

Auch schon lange vor Facebook war es so, dass Leute für das was sie tun oder nicht tun, was sie haben oder nicht haben, durchaus gute, nachvollziehbare und meist ganz individuelle Gründe haben. Die findet man in der Regel erst raus, wenn man miteinander redet. Wo allerdings die exakte Grenze zwischen „gerade noch“ und „schon nicht mehr“ Camping ist, werden wir wohl nie abschließend ermitteln können.


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Fährt seit 1992 mit Wohnmobilen in der Gegend herum. Zuerst im VW-Bus, dann im Sprinter-Kastenwagen und seit Sommer 2013 lebt er Vollzeit im Alkovenmobil.
Reisen, noch als braver Angestellter mit sechs Wochen Jahresurlaub, führten von Island bis zur Krim und vom Nordkap bis Gibraltar. Seit ein paar Jahren ist es mit dem Nine-to-Five-Brotjob vorbei und er tingelt als Privatier durch die Lande. Im Sommer in Deutschland, im Winter gerne auch mal in Italien und Portugal.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Ein eigenes Klo ist auch kein Luxus, das ist dabei selbstverständlich. Es gibt auch gebrauchte Wohnwagen oder Wohnmobile für den kleineren Geldbeutel, vielleicht findest du ja was passendes.

  2. Für mich wäre es genau das richtige !!! Da ich viele Krankheiten habe, hätte ich Komfort, wie z.B das überaus aller wichtigste bei mir eine alleinige Toilette, da ich keine Blase habe und immer mit Keime zu kämpfen habe. Dann könnte ich meine beiden Katzen mit nehmen da die mir Lebensmut geben und in dem Luxusmobil wäre es möglich und ich muss nicht mehr auf mein Hobby das Campen verzichten. Am liebsten am Meer. Doch leider fehlt mir zu allen dem das nötige Kleingeld, da ich durch meine Erkrankung Rentnerin bin. Es ist und bleibt halt ein Traum. Aber ein schöner !!!

    1. Hallo, es tut uns sehr leid zu lesen, dass du mit solchen Einschränkungen leben musst. Da wäre Camping tatsächlich eine gute Reiseform für dich, denn hier hast du Sauberkeit und Hygiene natürlich selbst in der Hand und kannst dir deine Privatsphäre bewahren. Das zeigt ja nur wieder, wie wichtig es ist, dass es eben für jedes Bedürfnis das passende Mobil gibt. Natürlich sind damit immer auch entsprechende Preise verbunden. Wir drücken dir ganz fest die Daumen, dass dein Traum in Erfüllung geht!
      Liebe Grüße,
      Nele

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