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Kolumne: Restguthaben – Das Geld liegt auf der Straße

Kolumne: Restguthaben – Das Geld liegt auf der Straße

Unser lieber Kollege Henning, seines Zeichens Blogger, Wohnmobilbewohner, Facebookgruppen-Aufmischer und bekennender Sarkastiker, wirft in unserer neuen Kolumne einen Blick auf Themen, die die Camperwelt bewegen.

Mit einem Augenzwinkern und dem einen oder anderen bissigen Kommentar analysiert er die oftmals hitzigen Social-Media-Diskussionen rund um Thermomix, Camperhunde, Dickschiffe, Grußverweigerer und Kuschelcamper. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Henning!

 

Stromsäulen, vor allem auf Wohnmobil-Stellplätzen, sind wahre technische Wunderwerke. Gegen Einwurf von 50 Cent oder einem Euro rücken sie entweder Strom für die Arbeitseinheit von einer oder zwei Kilowattstunden heraus, oder sie geben für eine bestimmte Zeit Strom ab, meistens vier bis acht Stunden, je nach der vom Betreiber gewählten Einstellung.

Bei den Säulen, die nach Leistung abrechnen, also für das Geld eine oder zwei Kilowattstunden abgeben, kann es vorkommen, dass der Vorgänger dort aus Vorsicht am Abend zuvor satte drei Euro eingeworfen hat. Das entspricht dann bei 50 Cent pro Kilowattstunde sechs Kilowattstunden. Weil dieser Vorgänger LED-Innenbeleuchtung hatte, die Batterie noch gut mit Lichtmaschinenstrom gefüllt und der Fernsehabend früh zu Ende war, sind bei der Abfahrt noch gute 3 Kilowattstunden an Restguthaben bezahlt. Manche sind tatsächlich so nett und weisen ihre Nachbarn darauf hin. Das ist sogar mir schon hin und wieder passiert, dass mir der Vorgänger sein Restguthaben gezeigt und mich zu dessen Verbrauch eingeladen hat. Das ist ganz sicher gut für dessen Karma und für meinen Geldbeutel.

Komme ich aber etwas später auf den Platz, ist der großzügige oder auch vorsichtige Vorgänger schon eine Weile weg. Vor dem Einstöpseln des Kabels drücke ich dann auf den Tasten der Stromsäule herum und entdecke die schon bezahlten, aber noch nicht verbrauchten drei Kilowattstunden. Ich muss noch lernen, dabei weiterhin ein Pokerface zu machen. Aber das Kabel stöpsel ich da rein, ist doch klar!

Doch was macht das mit meinem Karma? Sollte ich nicht lieber, leicht peinlich berührt, eine jungfräuliche Steckdose ohne oder mit nur ganz geringem Restguthaben wählen, statt mit dem nur mühsam unterdrückten Ausruf: „Boah, drei Kilowattstunden…!!“ den Stecker dort hineinzurammen, bevor es jemand anders tut?

Vielleicht war das der dezente Hinweis des Vorgängers, dass er wiederkommen wird, um dann den Reststrom zu verbrauchen? Ja, auch das soll es geben. Aber es stehen keine weiteren Campingutensilien herum, die auf eine Reservierung des Platzes hindeuten. Außerdem, da kann ja jeder kommen und behaupten, das Restguthaben hätte er schon letzte Woche bezahlt.

Vielleicht sollte ich über den Stellplatz gehen und nach einem besonders bedürftig aussehenden Nachbarn Ausschau halten, den ich auf das Restguthaben hinweisen könnte? Aber wie erkläre ich ihm das? „Sie, da in Säule fünf sind drei Kilowattstunden Restguthaben, ich dachte, Sie könnten die gut gebrauchen?“

Wähle ich also, auch für mein Karma, die Stromsäule ganz ohne Restguthaben und werfe eigenes Geld ein, kommt ganz sicher innerhalb der nächsten halben Stunde ein Zehn-Meter-Dickschiff, nimmt mir die Aussicht und stöpselt sein Kabel genau dort beim Restguthaben ein. Dem ist das Karma auch egal, vielleicht wirft der sogar nochmal drei Euro ein, weil er von Restguthaben noch nie gehört hat…

Ich lasse also mein Kabel stecken. Je nach Sonnenstand wird aber noch zusätzlich der Solarkoffer aufgebaut und die Sicherung des Ladegeräts abgeschaltet, um das unerwartete Geschenk etwas zu schonen. Doch alle nur mit Landstrom zu ladenden Geräte bekommen die volle Strom-Dröhnung, die sich sonst nur mühsam und verlustbehaftet über Solar oder Lichtmaschine und Wechselrichter erzeugen lässt. Mein Karma ist mir dabei erstmal egal. Möglicherweise spüre ich die Folgen im Jenseits, aber dann bin ich ja sowieso tot. Als Blogger kann ich mich immerhin im nächsten Beitrag bei dem unbekannten Stromspender online bedanken. Das muss vorerst reichen, um mir den Weg in den Himmel nicht komplett zu verlegen. Im Hier und Jetzt ist es nämlich so, dass man mit der Bloggerei keineswegs nur goldene Nasen verdient, da muss man eben sehen, wo man bleibt.

Irgendwann ist auch das größte Restguthaben aufgebraucht. Dann sollte ich eigenes Geld nachwerfen. Wenn auf dem Stellplatz viel Betrieb ist, hat sicher einer der gerade abgefahrenen Nachbarn auch etwas Restguthaben hinterlassen. So lange das an derselben Säule zu finden ist, kann ich das unauffällig anzapfen. Ist es an einer anderen Säule, muss ich mir was einfallen lassen. Da könnte ich den Weg zur Entsorgung nutzen, um unauffällig an einer anderen Säule zum Stehen zu kommen und diese um weitere Restguthaben zu erleichtern. Das Geld liegt quasi auf der Straße. Warum soll ich mich nicht danach bücken?

In seltenen Fällen kommt es vor, dass mein Stromguthaben plötzlich und unerwartet ohne mein Zutun wächst. Dann hat entweder ein Blogleser eine anonyme Spende hinterlassen oder jemand konnte die Stromsäule nicht bedienen, hat also erst das Geld eingeworfen und dann den Wahlschalter auf seine Steckdose umgestellt.

Ein ganz eigener Fall sind „kaputte“ Stromsäulen. Kaputt steht hier in Anführungszeichen, weil die nicht etwa gar keinen Strom mehr abgeben, sondern dauernd und ohne weiteren Münzeinwurf. Deren Standorte werden unter der Hand weitergegeben, anstatt den Defekt umgehend beim Betreiber zu melden. Kein Wunder, dass utopische Gesellschaftsentwürfe wie der Kommunismus zum Scheitern verurteilt sind.

Manche dieser Säulen bleiben monate-, mitunter jahrelang defekt. So kann ich mich an eine defekte Säule beim Campingladen „Freistaat“ in Sulzemoos bei München erinnern, nach wie vor ein tolles Revier zum Auffinden von erklecklichen Restguthaben. Diese defekte Säule zeigte monatelang ein Restguthaben von über 20 Euro. Wer als Betreiber nicht nur den Münzschacht öffnet und das Kleingeld rasseln lässt, dem müsste da etwas auffallen. Aber auch die Nutzer werfen oft genug Geld ein, ohne die Anzeige des Restguthabens überhaupt zu beachten, sonst kann es wohl kaum zu diesen gewaltigen Summen kommen.

Übrigens wurde auch dieser Beitrag mit dem Strom aus so einer „kaputten“ Säule verfasst. Die habe ich noch in den ersten Tagen mit Euromünzen gefüttert, für die es dann jeweils sechs Stunden Strom gab. Irgendwann haben diese sechs Stunden aber nicht mehr aufgehört. Ich habe mir immer für „morgen“ vorgenommen, den schlimmen Defekt zu melden.

Was ich, auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse, nicht tun werde: Einen Ratgeberartikel zur überschlägigen Berechnung des Strombedarfs zu schreiben…


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