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Immer ungewürdigt: Der Weiterscroller

Immer ungewürdigt: Der Weiterscroller

Unser lieber Kollege Henning, seines Zeichens Blogger, Wohnmobilbewohner, Facebookgruppen-Aufmischer und bekennender Sarkastiker, wirft in unserer neuen Kolumne einen Blick auf Themen, die die Camperwelt bewegen.

Mit einem Augenzwinkern und dem einen oder anderen bissigen Kommentar analysiert er die oftmals hitzigen Social-Media-Diskussionen rund um Thermomix, Camperhunde, Dickschiffe, Grußverweigerer und Kuschelcamper. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Henning!

Dies ist der Ort, um diesen Menschen zu würdigen, der eigentlich nur still und unauffällig das tut, was sich alle wünschen: Weiterscrollen, statt bei einem Thema einen gehässigen oder sonstwie als unpassend empfundenen Kommentar fallen zu lassen.

Sobald jemand, das kann durchaus auch mal ich sein, einen Kommentar in einer Diskussion abgibt, der von anderen als unpassend empfunden wird, raten viele dazu, doch einfach weiter zu scrollen. Klar, natürlich geht das, ich bin ja auch durch eifrige Benutzung des Scrollrads erst auf den kommentierten Beitrag gestoßen. Nur, hätte ich getan, was alle wünschen, wäre das weder bemerkt, noch gewürdigt worden, so wie ein Kommentar eigentlich immer mit irgendeiner Form von Aufmerksamkeit gewürdigt wird.

Das ist zutiefst ungerecht. Der Weiterscroller hat eigentlich allen einen Gefallen getan, aber niemand bemerkt es. Das muss sich ändern. Ich bin darum dazu übergegangen, bei Themen die mich nicht interessieren, „Habe weitergescrollt“ dazu zu schreiben. Der Erfolg war schlichtweg atemberaubend. Ich habe es sogar geschafft, in einer Hunde-Diskussion vom eigentlichen Thema abzulenken. In einer Hunde-Diskussion! Das ist gar nicht so einfach, viele Diskussionen, die mit völlig hundefremden Themen begannen, enden irgendwann beim Thema Hund, da reicht schon ein Hundeschwanz, der auf einem Foto am Rand noch zu sehen ist.

Ich scrolle viel und ausdauernd, zum Beispiel bei Fragen nach „dem Campingplatz mit Kind und Hund.“ Vor allem, um nicht der Versuchung zu erliegen, etwas zu antworten wie „Ich dache immer, Kinder und Hunde bringt man selbst mit in den Urlaub.“ Das zieht mit 100%iger Sicherheit die Aufforderung zum Weiterscrollen nach sich.

Als Weiterscroller muss ich aber, auch im Interesse dieser Kolumne, manche der eigentlich scrollwürdigen Themen im Auge behalten, denn das kann sich immer zu einem herzerweichenden Drama entwickeln. Da hat dann der lässig eingestreute Hinweis „Habe weitergescrollt“ denselben Effekt, wie der Kommentar „Ich lese mal mit“, den andere Interessierte gern fallen lassen. In manchen Themen finden sich nur Mitleser, aber keine relevanten Informationen. Sowas… Sollte mein Beispiel Schule machen, wird es im Netz vielleicht bald von bekennenden Weiterscrollern wimmeln.

Wenden wir uns zum guten Schluss jenen zu, die das Futter liefern, welches die Weiterscroller aus verschiedensten Gründen verschmähen sollen.

Wer etwas im Internet schreibt, tut das natürlich immer, um Aufmerksamkeit zu erregen. Man glaubt es kaum, aber auch diese Kolumne wird es nur dann weiterhin geben, wenn sie auch gelesen wird. Dazu gehört im Web 2.0 genauso der Rückkanal, also die Möglichkeit per Kommentar unmittelbares Feedback zu geben. Wer etwas postet, wird auch mit den Reaktionen darauf leben müssen. Fällt es schwer mit den Reaktionen zu leben, sind die Möglichkeiten begrenzt:

  • Man kann einfach nichts schreiben. Das geht sicher, nur bei manchen wird der Mitteilungsdrang irgendwann übermächtig und dann muss es doch heraus. Ich würde mich aus dieser Gruppe gar nicht ausnehmen wollen…
  • Man kann den Rückkanal verstopfen, also bei Facebook die Kommentare sperren oder für einen Blogbeitrag die Kommentare abschalten. Das kann funktionieren, aber sobald ein irgendwie provokantes Thema gewählt wurde, werden die Reaktionen unweigerlich kommen. Wie eine Flut werden sie sich ihren Weg suchen und der Schreiberling kann ihnen am Ende nicht ausweichen. Möglicherweise erreichen ihn die Reaktionen auf einem Weg, auf den er noch weniger Einfluss hat, als auf die ursprünglich dafür vorgesehene Kommentarfunktion.
  • Man kann darum bitten, nur positives Feedback zu geben. Ein todsicherer Weg, um sich vor der ganzen Netzwelt lächerlich zu machen. Daran kann auch der eifrigste Weiterscroller nicht mehr vorbeiscrollen.

So viel zur Lebenshilfe für alle, die nicht nur scrollen, sondern auch was schreiben wollen. Vielleicht werden manche Gruppen oder Foren irgendwann das „Goldene Scrollrad“ an den eifrigsten Weiterscroller verleihen. Wenn aber nur noch gescrollt wird, steht irgendwann nichts mehr da, durch das man sich hindurchscrollen könnte.

P.S.: Ich wage zu prophezeien, dass der erste Kommentar zu dieser Geschichte in etwa so lauten wird: „Habe weitergescrollt.“

Foto: (c) ArturVerkhovetskiyDepositphotos.com


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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Ich hab kurz überlegt ob ich das „weitergescrollt“ schreiben soll…und hab mich schon auf viele, von anderen geschriebene „scroller“ gefreut …aber…
    NIX
    NULL
    NIEMAND
    hat auch nur irgendwas geschrieben? Bin ich die erste die das alles gelesen hat?
    Ich fand den Text gut und bin schon mal gespannt was da noch so kommt!

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    1. Hallo Sabine,

      danke für die Blumen.
      Ob du die Erste bist, die das gelesen hat weiß ch nicht. Aber dein Kommentar ist der erste.
      Ja, die Wenigsten erkennen das Potential der kleinen Nachricht „Habe weitergescrollt.“ Aber das wird schon, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Probier es doch selbat auch mal aus: Wenn dich ein Thema auf Facebook so gar nicht interesseirt, es dort aber hoch her geht, schreib „Habe weitergescrollt“ drunter. Es gibt todsicher irgendeine Reaktion.

      Gruß
      Henning

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