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Kolumne: Kuschelcamper – Fehlende Fluchtdistanz oder Bedürfnis nach menschlicher Nähe?

Kolumne: Kuschelcamper – Fehlende Fluchtdistanz oder Bedürfnis nach menschlicher Nähe?

Unser lieber Kollege Henning, seines Zeichens Blogger, Wohnmobilbewohner, Facebookgruppen-Aufmischer und bekennender Sarkastiker, wirft in unserer neuen Kolumne einen Blick auf Themen, die die Camperwelt bewegen.

Mit einem Augenzwinkern und dem einen oder anderen bissigen Kommentar analysiert er die oftmals hitzigen Social-Media-Diskussionen rund um Thermomix, Camperhunde, Dickschiffe, Grußverweigerer und Kuschelcamper. Viel Spaß beim Lesen und Bühne frei für Henning!

Jedes lebende Wesen hat eine Fluchtdistanz. Man kann das gut bei Vögeln oder Rehen draußen in der Natur beobachten. Kommt man ihnen zu nahe… schwupp, sind sie weg.

Auch wir Menschen kennen das. Wenn uns jemand zu sehr auf die Pelle rückt, versuchen wir, auf Abstand zu gehen. Aber natürlich haben wir im Rahmen unserer Erziehung gelernt, dass es sich nicht gehört, in einem solchen Fall schreiend wegzulaufen.

Wird die Fluchtdistanz unter Campern oder Reisemobilisten unterschritten, nennt man das „Kuschelcamping“. Dafür mag es immer wieder mehr oder weniger gute Gründe geben. Mal ist es der letzte freie Platz, in den man sich gerade noch hineinquetschen kann. Mal sind es die umlagerte Stromsäule und die begrenzte Kabellänge, die einen zwingt, dem Nachbarn näher zu kommen.

Mitunter sind es auch der ebenso beengte wie schöne Platz und der unbezähmbare Wunsch, sich dort auch noch hinzustellen. So war ich bei der Überwinterung in Portugal schon zwischen einem französischen Kastenwagen zur linken und einem britischen Hymermobil zur rechten Seite hauteng eingekeilt. Da konnten ohne gegenseitige Absprachen keine Türen und Fenster mehr geöffnet werden, so eng war das. Die zudringlichen Nachbarn sind aber zum Glück bald wieder verschwunden.

Immer wieder wird auch von dem Phänomen berichtet, dass sich auf einem leeren, großen Parkplatz das zweite ankommende Wohnmobil unmittelbar neben das dort schon befindliche Fahrzeug stellt. Selbst dann, wenn es keine Stromsäulen gibt, die beide mit möglichst knapp abgerollter Kabeltrommel benutzen wollen. Ich weiß nicht, ob bereits Untersuchungen durchgeführt wurden, die dieses Verhalten erklären können. Ich habe mir zwei mögliche Erklärungen zurechtgelegt:

  1. Rücksichtnahme. Der Neuankömmling will keinen Parkraum verschwenden. Sollte sich der mehrere Hektar große Parkplatz innerhalb der nächsten halben Stunde mit den Autos der Besucher eines Bundesligaspiels füllen, möchte er nicht daran Schuld sein, dass zu große, ungenutzte Lücken entstehen.
  2. Der Herdentrieb. Wenn schon ein Artgenosse da ist, fühlt man sich in dessen Gesellschaft einfach sicherer. Dabei ist es keineswegs unumstößlich, dass der Nachbar bei Gefahr sofort herausstürzt und heldenhaft das Übel bekämpft. Viel wahrscheinlicher ist, dass der auch Angst hat, im Schlafanzug nach vorne krabbelt, den Motor anlässt und unter Zurücklassung von Fußmatte und Auffahrkeilen das Weite sucht.

Ich habe mir vorgenommen, sollte ich auf so einem Riesenparkplatz der Erste sein und der Neue stellt sich unmittelbar neben mich, folgenden Versuch zu unternehmen: Ich werde alles einpacken und an das andere Ende des Platzes fahren. Folgt der Nachbar, werde ich ihn nach den Gründen fragen. Vielleicht stützen diese eine meiner Thesen oder es kommt ein ganz neuer Aspekt dazu. Das Ergebnis wird dann hier oder in meinem Blog zu lesen sein.

Außer bei jenem Erlebnis in Portugal war ich bisher nur selten von Kuschelcampern betroffen. Einmal hat sich der neue Stellplatznachbar fast auf meine Fußmatte gestellt. Da bin ich tatsächlich wortlos umgezogen. Seine Reaktion war: „Oh, stehen wir zu dicht?“.

Wenn beim Rangieren auf dem Stellplatz der neue Nachbar immer wieder haarscharf an meinem Fenster vorbeifährt, dann frage ich auch schon mal, ob ich etwas Platz machen soll. Meistens wird die Andeutung richtig verstanden.

Natürlich ist die persönliche Grenze, ab der ein Abstand als „Kuschelcamping“ bezeichnet wird, sehr individuell. Der Hardcore-Freisteher reagiert schon auf ein anderes Wohnmobil in 50 m Entfernung mit nervösen Zuckungen, andere blühen in der hautengen Gemeinschaft erst richtig auf.

Ich muss jetzt aber Schluss machen. Gerade klopft der Nachbar an und meint, ich solle doch mein Fenster endlich schließen – er könne seins sonst nicht weit genug zum Lüften öffnen…


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Fährt seit 1992 mit Wohnmobilen in der Gegend herum. Zuerst im VW-Bus, dann im Sprinter-Kastenwagen und seit Sommer 2013 lebt er Vollzeit im Alkovenmobil.
Reisen, noch als braver Angestellter mit sechs Wochen Jahresurlaub, führten von Island bis zur Krim und vom Nordkap bis Gibraltar. Seit ein paar Jahren ist es mit dem Nine-to-Five-Brotjob vorbei und er tingelt als Privatier durch die Lande. Im Sommer in Deutschland, im Winter gerne auch mal in Italien und Portugal.

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