Mit Dulli Auf Südamerikatour

Mit dem Landrover Defender durch Südamerika – Teil 3: Erkenntnisse nach einem Jahr unterwegs

Vor einigen Tagen haben dir Ali und Malte in dem Artikel “Mit dem Landrover Defender durch Südamerika – Teil 2” offen darüber gesprochen, dass die Reise mit ihrem Defender “Dulli” durch Südamerika nicht immer nur großartig und wunderbar ist, sondern zwischendurch auch mal anstrengend sein kann. Im heutigen, vorerst letzten Teil ziehen die beiden eine Zwischenbilanz.

Ist so eine Langzeitreisen eher Erholung oder Stress?

Sind wir nach einem Jahr auf Reisen, ohne durchgetakteten Alltag und weit weg von allen „normalen“ Verpflichtungen, ganz andere Menschen geworden? Sind wir plötzlich Hippies? Ist unser Lebenstraum nun, Muschelketten und Kokosnüsse an irgendeinem Strand Lateinamerikas zu verkaufen? Natürlich mag unsere Sichtweise auf uns selber und unsere Entwicklung nicht ganz objektiv sein, aber dennoch können wir alle gestellten Fragen zunächst einmal verneinen.

So eine Reise ist weniger “Urlaub”, als man vielleicht vermutet. Natürlich bereisen wir durchgehend Gegenden, von denen viele als Urlaubsziele träumen bzw. wo viele ihren Urlaub verbringen. Und das ist einfach nur fantastisch und ein großes Privileg. Genauso gibt es immer wieder Phasen auf unserer Tour, die sich wie Urlaub anfühlen: Wenn wir uns entscheiden irgendwo länger zu bleiben, uns mal ein Hotel zu gönnen oder auch mal eine Tour zu buchen, wie z.B. in den Dschungel oder auf die Galapagos-Inseln.

Der durchschnittliche Tag unterwegs ist allerdings erstaunlich gut gefüllt, mit Aktivitäten, die uns und Dulli „am Leben halten“, mit der Reise- und Routenplanung und der Nachbereitung unserer Erlebnisse für unseren Blog.

In jedem Land und an jedem Ort sind die Gegebenheiten anders und wir müssen uns ständig neu orientieren. Das macht natürlich oft Spaß und macht so eine Reise ja auch aus. Eben nicht immer nur der Tourist mit der Kamera und dem Reiseführer zu sein, sondern auch ein Stück weit am Alltag der lokalen Bevölkerung teilzunehmen. Allerdings sei auch gesagt, dass uns unsere im Studium und Job erlernten Projektmanagement-Fähigkeiten hierbei durchaus eine große Hilfe sind. Natürlich folgen wir keinem Projektplan, allerdings hilft etwas Struktur und Organisation durchaus, um nicht plötzlich ohne Wasser, Diesel oder Lebensmittel irgendwo im Nirgendwo mit einem technischen Problem zu stehen und nicht zu wissen, wo denn jetzt noch mal das Werkzeug im Auto vergraben ist.

So hat jeder von uns seine Zuständigkeiten, die teilweise einfach physisch bedingt sind, sonst würden wir bei den vielen kleinen Handgriffen und auf dem begrenzten Platz, der uns zur Verfügung steht, wohl nie loskommen. Ohnehin dauern alle Alltäglichkeiten wie zum Beispiel Frühstück machen ein Vielfaches der Zeit, die wir zuhause dafür benötigen. Den Kocher mit Benzin zu befüllen, Trinkwasser zu filtern, am Ende in einer Waschschüssel abzuspülen, das sind alles Schritte, die zuhause entfallen.

Das Bewusstsein für den Luxus zuhause wächst

Uns ist dadurch immer mehr aufgefallen, wie unglaublich „convenient“ unser Alltag zuhause ist. Morgens in einem warmen Badezimmer unter die warme Dusche zu gehen, einen Kaffee per Knopfdruck zu ziehen oder mal eben den Wasserkocher anzuwerfen, Geschirr in die Spülmaschine zu stellen, Wäsche in die Waschmaschine und in den Trockner zu werfen. All diese Selbstverständlichkeiten sind unterwegs plötzlich ganz weit weg und als wir zwischendurch mal wieder in Deutschland waren, konnten wir den ganzen Luxus kaum fassen. Aber eins ist sicher, nach ein paar Tagen hatten wir uns auch daran wieder gewöhnt und es ähnlich selbstverständlich hingenommen wie zuvor. Dabei können wir sagen, dass uns dieser etwas aufwändigere Alltag nicht einmal schwerfällt. Natürlich träumen wir an einem regnerischen Tag mal von einem heißen Tee auf Knopfdruck, aber insgesamt entschleunigt uns die langsamere Lebensweise extrem. Es passiert nicht mehr alles parallel wie zuhause. Schnell einen Kaffee kochen, gleichzeitig schon mal die neuesten Nachrichten checken, das Brot hüpft aus dem Toaster und nebenbei wird schon mal die Trainingstasche für den Abend gepackt. Natürlich alles effizient, aber auch unglaublich stressig und irgendwie unnatürlich.

Der Vergleich: leben unterwegs und zuhause

Wir empfinden unser Leben hier insgesamt als viel natürlicher als zuhause. So gesund wie unterwegs haben wir uns noch nie im Leben gefühlt. Wir verbringen unglaublich viel Zeit an der frischen Luft und in der Natur, wir essen wenn wir hungrig sind, schlafen wenn wir müde sind, bewegen uns wenn wir uns danach fühlen und sind rund um das Auto natürlich insgesamt viel mehr in Bewegung als im Büro-Alltag. Zuhause haben wir gegessen wenn Mittagspause war, abends war ein Abendessen mit dem Training nach der Arbeit teilweise schon schwer in Einklang zu bringen, geschlafen haben wir dann eigentlich oft zu spät, einfach um vor dem Schlafengehen noch ein bißchen Zeit zu haben, in der mal gar nichts passiert. Hier leben wir mit dem Wetter, der Helligkeit, sind nicht fremdbestimmt, können alles völlig frei gestalten, so dass wir in aller Regel sogar deutlich früher aufstehen als zuhause und wir sind eigentlich beide wirklich keine Frühaufsteher. Diese geänderte Perspektive auf unseren Alltag, der für uns früher ganz normal und alternativlos war, ist für uns sehr spannend. Uns ist aber absolut bewusst, dass es große Anstrengung kosten wird, ein Stück dieser Erkenntnisse auch nach der Reise zu beherzigen und nicht wieder vollständig in alte Muster zurückzufallen.

Unser Konsumverhalten unterwegs

Ein wesentlicher Unterschied zu unserem Alltag in Deutschland ist darüber hinaus unser Konsumverhalten. Unser Stauraum im Dulli ist sehr begrenzt und auch wenn wir uns manchmal mehr Platz im Innenraum wünschen, Stauraum brauchen wir interessanterweise nicht unbedingt mehr. Obwohl wir kleidungstechnisch auf alle Klimazonen vorbereitet sein müssen, kriegen wir genug, natürlich überwiegend funktionale Klamotten, in unseren Schränken unter. Und auch für ein klein wenig Luxus, wie ein Kleid, ein paar Sandaletten und sogar eine Yoga-Matte bleibt noch Platz. Wir überlegen uns eben verdammt genau, was mit muss und darf und haben über die Monate eher aussortiert, als dazu gekauft. Wir tragen plötzlich Kleidung auf und ersetzen sie erst, wenn wir Teile wirklich entsorgen. Das haben wir Zuhause leider fast nie getan. Der Konsum, der nur zur Befriedigung irgendwelcher Bedürfnisse, wie Belohnung oder auch aus Frust stattfindet, entfällt völlig.

Ein großer Unterschied ist dabei, dass wir den vielen Reizen, die zum Kauf verleiten und einem das Gefühl geben, bestimmte Dinge ganz dringend zu brauchen, nicht so ausgesetzt sind wie zuhause. Wann immer wir mal in einer größeren Stadt sind, stellt sich dann das altbekannte Gefühl etwas kaufen zu müssen, wieder stärker ein. Das ist ja auch nicht nur negativ. Neue Sachen machen ja auch immer Spaß und man freut sich über ein neues Teil. Aber uns ist viel stärker bewusst bzw. wir fragen uns viel mehr als früher, warum und ob wir etwas wirklich brauchen. Und auch wenn die Antwort lautet, dass man etwas vielleicht nicht wirklich braucht, aber gerade total Lust drauf hat, kann es ja auch völlig ok sein.

Generell nimmt die eigene Optik einen deutlich niedrigeren Stellenwert ein als Zuhause. Nicht nur, dass wir uns verhältnismäßig selten im Spiegel sehen und uns dann regelmäßig über unsere dunkle Hautfarbe und Malte über seinen deutlich behaarteren Kopf wundern (die Grenzbeamten lachen inzwischen beim Anblick seines Passfotos, da ihm das so langsam gar nicht mehr ähnlich sieht…), es gibt hier einfach Wichtigeres. Natürlich achten wir auch hier auf Hygiene, gewaschene Kleidung und laufen nicht völlig runtergekommen herum. Aber die schöne Erkenntnis ist einfach, dass man auch ungeduscht, ungeschminkt und mit ungekämmten Haaren verdammt glücklich sein kann.

Unser Umgang mit den Ressourcen und der Umwelt

Ein erschreckender Aspekt, der uns auf Reisen sehr bewusst geworden ist, ist der Umgang mit Ressourcen und unserer Umwelt. Zuhause war vieles immer selbstverständlich, Wasser kommt unbegrenzt aus der Leitung, der Müll wird regelmäßig abgeholt und Strom fließt auf Knopfdruck aus der Steckdose. Hier müssen wir jeden Liter Trinkwasser filtern und haben nur begrenzte Wasservorräte. Entsprechend sparsam gehen wir damit um und sind trotzdem noch erstaunt, wie viel Wasser wir zu zweit so täglich benötigen. Ebenso füllen wir zu zweit täglich locker zwei Tüten mit Müll, der Verpackungsindustrie sei dank. Wenn wir wild campen müssen wir unseren Müll mit uns herumfahren, bis wir einen Mülleimer finden, da fallen uns die Mengen natürlich extrem auf. Mit unserem Solarmodul sind wir zumindest bei schönem Wetter völlig autark und können unseren Kühlschrank betreiben und unsere Handys laden, ohne die geht auch hier (leider) nichts.

Neben dem eigenen Bedarf an Ressourcen, steigt das Bewusstsein für die Umwelt auch durch den häufig verantwortungslosen Umgang mit der Natur in großen Teilen Lateinamerikas. Was die Flut hier so an den Strand spült oder welche Müllberge zum Teil die Straßenränder säumen ist wirklich erschreckend. Wir hoffen, dass wir in Zukunft ein klein wenig zu einer Verbesserung beitragen können, zumindest hat die Reise unser Bewusstsein für die ökologischen Aspekte unseres täglichen Lebens deutlich gestärkt.

Was werden wir von der Reise mitnehmen?

Wir sind bestimmt nicht auf einem Selbstfindungstrip, aber die völlig andere Perspektive auf unser Leben lässt uns inzwischen viele Dinge anders sehen und mehr reflektieren. Das ist unglaublich bereichernd und uns ist viel stärker bewusst was uns wichtig ist, uns glücklich macht, wo wir uns wohlfühlen, mit welchen Menschen wir uns umgeben wollen und worauf wir uns in unserem Leben fokussieren möchten.

Diese Gedanken und Erkenntnisse waren in irgendeiner Form vielleicht auch in unserem früheren Alltag schon vorhanden, aber bei all den Themen, die uns täglich in Atmen gehalten haben, sind wir uns über viele Dinge nie abschließend klar geworden. Dieser Perspektivenwechsel ist für uns inzwischen ein großer Teil unseres Abenteuers und neben all den Erlebnissen und Erinnerungen hoffentlich etwas, was wir mit nach Hause nehmen werden, in unseren neuen Alltag, der auch nach wie vor nichts mit Muschelketten und Kokosnüssen zu tun haben wird.

Auf dulliexploring.com oder Facebook könnt ihr Dullis Abenteuer mitverfolgen und euch den Ausbau im Detail anschauen!

Fotos: (c) Alexandra & Malte Ramthun

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