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Leben im Bauwagen – der Wagenbau, Teil 2

Leben im Bauwagen – der Wagenbau, Teil 2

Im zweiten Teil dieser Artikelserie über das Leben im Bauwagen, nehme ich dich mit auf den Bau und am Ende sogar mit auf den Wagen. Für mich ist der Bau eines kompletten Wagens mit Oberlichtern bis heute ein kleines Wunder, auch wenn ich selbst an unserem Exemplar mitgearbeitet habe. Patrick hat als Zimmermann die besten Voraussetzungen, einen solchen Wagen Wirklichkeit werden zu lassen. Außerdem hatten wir Patricks Bruder Gabriel als Schreiner mit im Boot, äh, im Wagen. Ich habe festgestellt, dass meine ganz persönliche Kernkompetenz neben all meinen anderen breit gefächerten Fähigkeiten darin liegt, den beiden alle Pläne in letzter Sekunde wieder umzuwerfen. Gemeinsam haben wir es trotz sechs linker Hände, die wir als Linkshänder-Trio zu Verfügung hatten, geschafft. Wie wir finden, kann sich der Wagensehen lassen.

Die Vorbereitungen laufen

Bevor der Bau unseres Wagens beginnen konnte, mussten wir uns als fleißige BaumeisterInnen aber so einige Gedanken machen. Die W-Fragen sollten schließlich vorab geklärt sein. Die wichtigste Erkenntnis zu diesem ersten Schritt möchte ich an dieser Stelle kurzerhand vorwegnehmen. Einfach, weil sie so klar, logisch und für uns richtig ist: Für den Wagenbau brauchst du entweder viel Zeit oder viel Geld. Wir haben versucht, die erste Variante zu wählen, auch wenn so ein Haus auf Rädern trotz aller Zeit der Welt einfach einiges kostet. Für uns hat der zeitliche Faktor sogar schon lange vor Baustart eine wichtige Rolle gespielt. Wie die Ameisen haben wir gesammelt, wann immer wir günstiges Material zwischen die Finger bekommen haben. Eine Eingangstür, Fenster, brauchbares Altholz, Lampenfassungen, Omas Küchenhexe, Kabel, Glasscheiben für die Oberlichter und natürlich allerlei Geplänkel für den Innenausbau.

Hier ein kleines Rechenbeispiel: Für professionelle Fenster auf Maß, die nach außen aufschwingen, kannst du gut und gerne etwa 4000€ liegen lassen. Wir haben drei unserer Fenster in den letzten zwei Jahren geschenkt bekommen und zwei weitere haben wir für 100€ gebraucht ergattert. Auf der einen Seite steht nun der Faktor Geld mit einer Ersparnis von etwa 3800€ (Sprit, Schleifpapier, Strom, Kit, Holzöl und neue Glasscheiben, die wir eingesetzt haben, sind abgezogen). Auf der anderen Seite steht der Aufwand von etwa einer Woche Vollzeit an der Schleifmaschine und einige Reparaturarbeiten. Wir mussten neue Scheiben zuschneiden, verkitten, Rahmen ölen und bei einigen Fenstern die Rahmen reparieren. Diesen ganzen Zirkus haben wir betrieben, um die Fenster mit Öl pflegen und gegen Feuchtigkeit auf lange Sicht schützen zu können. Lack gibt auf Holz im Außenbereich nach ein paar Jahren den Geist auf und dann dringt Wasser in das Holz ein.

Unsere Fenster gehen nun leider nicht nach außen auf, aber sie besitzen teilweise eine ebenfalls praktische Klappmechanik und nach all den Stunden Arbeit einen schönen natürlichen Used-Look. Ein bisschen Retro schadet nie. Unsere individuellen Fenster zaubern eine nostalgische und gleichzeitig freundliche Atmosphäre im Raum und Außen. So wie man sagt, dass die Augen eines Menschen das Fenster zu seiner Seele sind, so sind die Fenster eines Wagens für mich die Verbindung zwischen Bewohnern und Natur.

Ebenfalls zur Vorbereitung gehört das Zeichnen eines Plans mit Maßen, Statik und all den Dingen, von denen ich besonders viel verstehe. Wo wir gerade beim Thema Fenster sind, bleiben wir doch kurz dabei. Dass wir Oberlichter möchten, war schon lange klar. Patrick hat sich als Architekt viele Gedanken zur Konstruktion dieser Sonderanfertigung gemacht und schlussendlich können wir sagen, dass die Planung und der Bau eines Daches mit Oberlichtern ganz einfach mal eben doppelt so viel Zeit und Nerv in Anspruch nehmen, wie ein einfaches Tonnendach. Seit wir aber im Wagen wohnen, bin ich unendlich froh, dass wir diesen Aufwand betrieben haben. Oberlichter haben unschlagbare Vorteile gegenüber einem Tonnendach. Sie spenden Licht und jetzt da der Wagen fertig ist, erstrahlt der Innenraum in den tollsten Farben. Je nach Wetterlage vor der Tür. Beim Kochen sind Oberlichter ebenfalls wunderbar, da der Dunst gleich nach außen ziehen kann. Auch ist unser Dach der optimale Ort, um Kräuter und Obst auf großen Gittern zu trocknen.

Um überhaupt einen Plan von der Hülle des Wagens zeichnen zu können, mussten wir zunächst einmal die Aufteilung des Innenraums ausdiskutieren. (Diese hat sich bei uns zwar ohnehin andauernd und bis zur letzten Sekunde geändert, aber das verrate ich natürlich nicht). Dafür war es auch wichtig, dass wir Fenster und Türen bereits besorgst hatten. Wo muss welches Loch für welches Fenster hin? Wo soll der Ofen stehen? Ist es besser die Eingangstür in die Seite oder in die Stirn zu bauen? Für uns war diese letzte Frage ein längeres Thema. Patrick war dafür, die Tür in die Stirn einzubauen, da es somit möglich ist, eine kleine Dreckschleuse zu haben und nicht mit den matschigen Schuhen und dem nassen Hund gleich mitten im Wagen zu stehen. Ich hingegen wollte die Tür an der langen Seite, damit sie den schlauchigen Charakter des Innenraums unterbricht. Außerdem liebe ich das Wohnwagenfeeling und die meisten Caravans haben die Tür ebenfalls in der Seite. Als professionelle „Pläne-in-letzter-Sekunde-Umschmeißerin“, habe ich natürlich gewonnen. Im Grunde sind wir uns aber einig, dass es im Sommer schöner ist, die Tür an der Seite zu haben, während wir im Winter ganz klar die Vorteile bei einer Tür auf der Stirnseite sehen.

Bevor wir nun also endlich mit dem Bau beginnen, wollen wir noch klären, wieviel Technik wir für die Wasserversorgung verbauen möchten. Ob wir mit 12v oder 220v leben möchten und wo die Lampen und Lichtschalter sitzen sollen. Unsere 220v Stromleitungen hat Patrick direkt in den Wänden verlegt. Jede Steckdose und jeder Lichtschalter sollen schließlich am richtigen Platz sitzen. (Blöd nur, wenn sich der Innenausbauplan immer wieder ändert…). Wir haben uns eindeutig für die 220v entschieden, denn mit einem so großen Wagen ziehen wir nicht alle zwei Tage weiter. Alle zwei Jahre ist realistischer. Somit können wir uns immer um Strom kümmern. Falls wir uns einmal anders entscheiden sollten, ist es aber auch möglich, umzurüsten.

Es kann losgehen: (Um)Bau des Fahrgestells

Wie auch ein Haus, braucht so ein Tiny House zu allererst ein Fundament. Richtig, das Fahrgestell. Dabei gibt es einiges zu beachten, wenn das Haus auf Rädern später auch zuverlässig rollen soll. Das Bauwagenfahrgestell sollte zum Beispiel einen breiten Radstand haben. Außerdem ist auch die Achsbreite sehr wichtig, da der Schwerpunkt des ganzen Gebildes im Aufbau weit oben sein wird. Somit schaukelt der Bauwagen hin und her. Je breiter die Achsen sind, desto niedriger wird der Schwerpunkt im Verhältnis. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Last des Fahrgestells nicht bis an die Grenzen auszureizen. Ein Holzwagen ist ein völlig anderes Geschoss als ein Caravan und sollte nicht ausversehen umkippen.

Wir haben ein LKW Fahrgestell gebraucht ergattert, welches mit einer Last von 18 Tonnen klarkommt. Das ist wahnsinnig praktisch, denn inzwischen haben wir Fliesen in der Küche und überlegen gerade, eine Küchenfront aus Stahl zu bauen. Einfach weil wir es können und natürlich, weil wir es schön finden. Momentan haben wir noch mindestens 8 Tonnen Luft, bis das Fahrgestell voll ausgelastet wäre und der Ausbau ist so gut wie fertig.

Unser Fahrgestell ist ziemlich Massiv. Vor allem aus dem Grund, weil wir den Wohnkoffer mit Stützen ausgestattet haben, sodass wir das Fahrgestell unter dem Wagen wegziehen und ohne Aufbau zum TÜV bringen können. Unsere Wohnung ist in diesem Sinne nur Ladung. Der Wohnkoffer muss also stabil und daher unflexibel sein. Die Stabilität bekommt die Bodenplatte von den Wänden aus Dreischichtplatte. Diese leisten dieselbe Arbeit wie hochkant gelagerte Träger.

Wer fahren will, der muss auch bremsen können. Unser Fahrgestell besitzt ein Zweikreislaufdrucksystem zum Bremsen. Die meisten Bauwägen, die ich kenne, haben nur ein Einkreislaufdrucksystem. Das liegt daran, dass alte und somit günstigere Fahrgestelle verwendet werden. Der Kreislauf kann aber platzen und dann fällt die Bremse aus. Aus diesem Grund werden Einkreislaufdrucksysteme vom TÜV nicht mehr zugelassen. Kleine Tiny Houses und Wohnwägen bremsen meist mit einer Auflaufbremse. Diese gibt es jedoch nur für bis zu acht Tonnen.

Auch für das Fahrgestell haben wir eine ganze Woche Zeit investiert, anstatt ein neueres und noch teureres Gestell zu kaufen. Patrick und Gabriel haben die stählerne Bodenplatte des LKW-Fahrgestells weggeflext und dann wurde gestrichen. Bei den Flexarbeiten haben die beiden gleich mal acht Aufsatzscheiben durchgeschrubbt. Dass die es auch immer so übertreiben müssen… Gestrichen haben wir zu Viert. Die komplette Woche in Vollzeit. Die erste Schicht mit höchstgesunder Grundierung von der deutschen Bahn in Güterzugorange mit vielen lustigen Bleimenningen darin. Als zweite Schicht dann mit grauem Lack vom Militär. So sollte der Rost nur wenig Chancen haben. Beide Farben haben wir von einem lieben Freund geschenkt bekommen.

Es geht weiter: Bau des Wohnkoffers

Jetzt geht es endlich an die Konstruktion des Wohnkoffers. Im ersten Schritt haben wir die Bodenplatte gebaut und einen Eichenboden verlegt. Diesen mussten wir allerdings später wieder rausschneiden und neu verlegen, da er sich gewölbt hat. (Ob ich das allerdings verraten soll, weiß ich noch nicht).

Die meisten Tiny Houses werden wie ein richtiges Haus auf der Bodenplatte erbaut. Wir haben das anders gemacht, weil wir keine Halle hatten, in der so viel Platz nach oben ist. Außerdem ist es bequemer, die Wände liegend zu bauen und mit Isoliermaterial zu füllen. Diese Herangehensweise ist allerdings intensivster Denksport, wenn am Ende alles passen soll. Unser Wagen besteht also aus einzeln angefertigten Wandelementen, die wir mit Holzwolle gedämmt und mit Kabeln durchzogen haben. Die Außenschalung haben wir aus Schwarzwälder Lärchen-Stülpschalung in Sägerau gebaut. Das ist ein schönes natürliches Material und auch mit Patina noch ansehnlich.

Die innerste Schicht besteht aus Dreischichtplatte. Diese gibt zum einen Stabilität, zum anderen fungiert sie als Dampfbremse. Das Holz nimmt die Feuchtigkeit aus dem Wagen auf und gibt sie gleichmäßig und kontrolliert nach Außen ab. Für uns genügt das, denn wir heizen mit einem Holzofen. Im Winter ist die Luft im Wagen beinahe schon zu trocken. Gasheizungen hingegen produzieren zusätzlich Feuchtigkeit und so stellen sich andere Ansprüche an die Wände und die Dampfbremse. Aber das leidige Thema Feuchtigkeit im Wagen kennst du als Camper mit Sicherheit.

Für das Dach hat Gabriel alle Bögen einzeln aus Multiplexplatte ausgesägt. Auch das Dach haben wir als ein vollständiges Element am Boden zusammengebaut. Als Füllung haben wir dünne weiße Platten verwendet, die sich der Rundung des Daches anpassen. Diese Platten werden normalerweise als Rückwände von Schränken verwendet. Sehr gerne vor allem bei IKEA. Wie auch immer, sie geben unserem Dach eine ruhige und helle Optik.

 

Die Spannung steigt: Der Zusammenbau

Jetzt, da alle Elemente gebaut sind, kann es ans Zusammenpuzzeln gehen. Unser lieber Nachbar half uns mit einem speziellen Traktorkran, der die Wandelemente durch die Luft schweben lässt, gerade so als wären es Tetris-Förmchen. Für uns war der Tag des Puzzelns besonders aufregend, da sich erst jetzt zeigte, ob alles richtig berechnet ist. Dass es so gut passt, haben wir dann doch nicht erwartet.

Am Ende haben wir die Fenster eingebaut, von denen ich anfangs so viel erzählt habe. Auch Lichtschalter und Steckdosen wurden montiert.

Ich habe dir ganz zu Anfang dieses Artikels versprochen, dich auch mit auf den Wagen zu nehmen. Schauen wir uns also das Dach an, jetzt wo es am richtigen Platz ist. Während der Bauphase hatten wir geplant, das Dach mit LKW-Plane zu decken. Diese Plane ist sehr robust, relativ günstig und gar nicht mal so hässlich. Nach einiger Überlegung fiel die Entscheidung aber doch auf ein Kupferdach. Als Altersvorsorge sozusagen. Für den Blechner war unser Dach eine große Herausforderung und seiner Meinung nach sei jedes Kirchendach, das er bis dahin gedengelt hatte, lange nicht so aufwändig, wie unser Wagendach. Das gute Oberlicht mal wieder.

Da steht es also, das kleine Haus. Unsere Küchenhexe, die wir ebenfalls günstig gebraucht bekommen haben, ist das erste Möbelstück, das Einzug erhalten hat. Für den Ofendurchbruch habe ich mich an meinem ersten Lehmkunstwerk versucht. Den Lehm haben wir aus dem Wald geholt und die frische Mische mit Stroh, Sand und Schluff in Eigenregie zusammengemixt. Den ersten Winter haben wir damit schon überstanden.

Mein Fazit zum Bau eines Bauwagens

Abschließen gibt es jetzt noch eine winzige Zusammenfassung über die wichtigsten Punkte beim Wagenbau. Wie gesagt brauchst du Zeit und Geld, außerdem handwerkliches Geschick, logisches Denkvermögen, ganz viel Material, das richtige Werkzeug, einen Platz an dem du bauen kannst. Und im besten Fall ein paar gute Freunde, die dir ab und an unter die Arme greifen. Welche Gedanken wir uns gemacht haben, um uns überhaupt für diese Wohnform zu entscheiden, kannst du in meinem ersten Artikel zum „Leben im Bauwagen: Ein Selbstversuch“ nachlesen. Wir haben in der Bauphase oft gelacht, manchmal gestaunt und viel dazugelernt. Wir würden es jederzeit wieder tun.

Im nächsten Teil dieser Artikelserie erfährst du alles über den Ausbau unseres Wagens, wie die Einrichtung schlussendlich geworden ist, wo wir duschen und warum wir uns für eine Trockentrenntoilette entschieden haben. Du kannst gespannt sein!

Fotos: (c) Geraldine Schüle & Patrick Ortlieb

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