skip to Main Content
Navigation Nowhere: Abenteuer Schulbus-Umbau

Navigation Nowhere: Abenteuer Schulbus-Umbau

In der glamourösen Welt der Van-Conversions sieht alles immer unheimlich schick aus. Holzverkleidungen, Lampions und Kissenbezüge mit Geweih-Aufdruck. Nicht alle geben zu, welche Hindernisse und Zweifel vorher im Weg lagen. Der US-Amerikaner Michael Fuehrer kaufte sich nach seinem Master-Abschluss einen gebrauchten Schulbus und verwandelte ihn in ein schmuckes Tiny Home. Wenn er über den Umbau spricht, spart er nicht mit Ehrlichkeit und Witz. Eine sympathische Geschichte.

Als Michael „Navi“ kaufte – so nennt er seinen Bus liebevoll – war das Fahrzeug ein noch voll funktionstüchtiger, gelber Schulbus. Es war Mai 2016. Neun Monate später hatte er den Umbau abgeschlossen. Seitdem tourt Michael mit „Navi“ durch Nordamerika. Doch eigentlich wollte der Reise-Fan überhaupt keinen Schulbus.

Umbau eines Busses: „Heilige Scheiße, was habe ich getan!“

„Als ich anfing, über ein Leben unterwegs nachzudenken, hatte ich zuerst die Idee, einen Van umzubauen oder ein richtiges Tiny House zu kaufen“, erzählt Michael. Dann lief ihm „Navi“ über den Weg. „Als ich den Bus gekauft hatte, musste ich ihn noch 120 Kilometer zum Haus meiner Eltern bugsieren“, erinnert er sich. Denn nur dort hatte er genug Platz, um mit dem Umbau zu beginnen. „Das Problem war, dass ich noch nie so ein großes Ungetüm gefahren bin“, sagt er und grinst. Zum Glück konnte ein Freund seines Vaters mitkommen, der zufällig Mechaniker war und ihm später auch zeigte, wie man einen Schulbus überhaupt richtig fährt.
Denn die Romantik vom ausgebauten Bus mit all seinem Raum klingt fantastisch, aber ist nicht immer ein fantastisches Fahrvergnügen. Nicht einmal auf den großen und weiten Straßen der USA.

„Als wir bei meinen Eltern ankamen, hatte ich zwei völlig verschiedene Gefühle“, berichtet Michael. „Auf der einen Seite war es Aufregung und Glückseligkeit.” Er macht eine Pause. „Auf der anderen Seite dachte ich ‚Heilige Scheiße, was habe ich getan!’“
Das letzte Mal, dass Michael in einem Schulbus gesessen hatte, war in der Highschool. Und dann ist da noch die Tatsache, dass er zu Beginn des Projekts kaum handwerkliche Kenntnisse besaß. „Ich wusste bloß, dass keine Ahnung hatte, was ich überhaupt tat oder wo das Experiment mich hinführen würde. Aber ich war bereit für die Herausforderung!“

Die folgenreiche Entkernung von „Navi“

Also ging es los. Zuerst baute Michael die Sitze aus. Nicht nur vier oder sieben, sondern gleich 72! „Das Lustige daran war, dass ich immer wieder kleine Notizen von Kindern fand, die einst mit dem Bus zur Schule gefahren sind“, erinnert sich der Heimwerker, der das Heimwerkern erst lernen musste. Anschließens riss er den Boden heraus. Und weil Michael den Bus noch mehr entkernen wollte, machte er sich schließlich auch an die Heck-Heizung. „Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, wollte ich die Heizung entfernen. Ich fand heraus, dass ich dafür knapp 20 Liter Kühlflüssigkeit ablassen musste“, beschreibt Michael den Vorgang. „Ich dachte mir ‚Das ist ja nicht so viel’ und holte einen kleinen Container. Nun ja… die Katastrophe entfaltete sich direkt vor meinen Augen und mein Vater rannte eilig los, um weitere Container zu holen.“

Die Ironie: Als Michael den ersten Winter im umgebauten Schulbus verbrachte, bereute er es, dass er die Heizung ausgebaut hatte. Statt der Heck-Heizung hatte er eine Propan-Heizung installiert, die am Ende nicht so wirklich für einen warmen Hintern reichte.
Nach dieser kleinen Eskapade baute Michael schließlich noch erfolgreich die Decke und die Fenster aus. „Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber dann musste ich feststellen, dass mein Bus ein paar undichte Stellen hatte.“
Nachdem all die Arbeit getan war, konnte der junge Abenteurer endlich mit dem eigentlichen Umbau des Schulbusses beginnen. Und das ist das Ergebnis:

Sonnendeck und Solarplatten auf dem Schulbus

„Navi“ besitzt eine Outdoor-Küche, Flutlichter, ein Deck auf dem Dach und eine kleine Garage im Heck. Unter dem Boden befindet sich ein Frischwassertank mit knapp 500 Litern und ein Abwassertank mit etwa 380 Litern Fassungsvermögen sowie ein Dieseltank mit rund 350 Litern. Außerdem 115 Liter Propan und Stauboxen. Damit lässt es sich schon mal ein paar Tage „off thr grid“ in der Wüste aushalten. Weiterhin montierte Michael drei Dachluken, Solarpaneele und eine Klimaanlage.
Besonders die kleine Garage lag Michael am Herzen. „So kann ich die ganzen Werkzeuge verstauen, die ich so brauche.“

Innenausstattung und Eckdaten des umgebauten Busses

Der Schulbus bietet innen 13 Quadratmeter und hat genug Schlafplatz für sechs Personen. Allein die Küchenzeile ist stolze 1,80 Meter lang. Auch ein Ofen, eine Spüle und ein Kühlschrank sind eingebaut.
Zusätzlich gibt es ein Badezimmer als Nasszelle mit Dusche und Komposttoilette, eine Speisekammer und einen Wandschrank.

„Manchmal fragen mich Leute, ob ich es schick finde, mein Klo in der Duschkabine zu haben“, berichtet Michael. „Dann sage ich immer ‚Klar, es ist einfach zu putzen.’“
Alle Sofas, die in „Navi“ verbaut sind, lassen sich zu Betten umklappen. Zusammen mit seinem Vater hat Michael einen Tisch gezimmert, der sich unter einem der Sofas verstauen lässt und an dem bis zu acht Personen sitzen können.

Der Kauf des Busses hat nur 3.200 Euro gekostet. Hinzu kommt der Preis für den Umbau, den Michael aber nicht weiter benennt. Der Schulbus ist ein Thomas Freightliner Modell aus dem Jahr 2004 mit Automatikgetriebe. Der Motor ist ein Mercedes 900. „Navi“ misst elf Meter in der Länge und hat aktuell einen Stand von 290.000 Kilometern.

Tipps zum Umbau eines Fahrzeugs in einen Camper

Für alle, die mit dem Gedanken spielen, ebenfalls einen Bus oder einen Van umzubauen, hat Michael ein paar Tipps: „Das wichtigste ist das Basisfahrzeug. Hier sollte man nicht sparen und das Beste kaufen, das man finden kann. Das muss nicht heißen, dass es besonders teuer wird“, erklärt er. „Außerdem sollte sich der Bus möglichst nicht in einem Gebiet mit hoher Luftfeuchtigkeit befinden oder dort, wo im Winter auf den Straßen große Mengen Salz verwendet werden – denn das bedeutet oft Rost.“ Auch die Historie des Fahrzeugs ist bedeutsam. Gab es regelmäßige Check-Ups, wie viele Kilometer hat der Motor bereits absolviert und in welchen Zustand befindet er sich? Nicht zuletzt rät Michael dazu, die Reifen zu kontrollieren. „Denn ein neuer Satz Reifen für einen Bus kann schnell extrem teuer werden.“

Michael Fuehrer und Navigation Nowhere

Michael ist nicht nur ein Langzeitreisender, sondern inzwischen auch Forscher und professioneller Handwerker (!). Aufgewachsen ist er in New Jersey. 2015 schloss er ein Masterstudium in kultureller Anthropologie ab. „Meine Zeit an der Uni war großartig, aber ich habe immer etwas vermisst“, gibt er zu. „Also habe ich mir fünf Wochen vor dem Ende der Masterarbeit das Auto meiner Eltern geliehen und bin einfach Richtung Westen gefahren. Ehrlich gesagt war ich total unsicher über meine Zukunft und wollte die Reise nutzen, um mir klarer darüber zu werden, was ich wollte.“

Als Michael zurückkam, gab er seine Masterarbeit ab und war zugleich mit dem Reisefieber infiziert. „In den kommenden Jahren war ich viel unterwegs. Ich habe Roadtrips gemacht und bin per Anhalter gereist. Ich habe erkannt, dass ich nicht immer im selben Job oder am selben Ort arbeiten und leben möchte.“ Und genau dieser Spirit war es, der Michael schließlich mit „Navi“ zusammenbrachte.
Heute verdient der neuzeitliche Nomade Geld, in dem er Beratungen zu handwerklichen Fragen anbietet und beim Umbau von Fahrzeugen hilft. Sein Angebot und seine Ratschläge für ein Leben on the road findet ihr auch auf seinem Blog Navigation Nowhere. Nicht übel für jemanden, der ganz am Anfang noch dachte „Heilige Scheiße, was habe ich getan!“

Weitere coole Geschichten von umgebauten Bussen und Lastwagen findet ihr beim Schulbus-Projekt von Wolfgang Wilbois und dem günstig auf eBay ersteigerten Bäckerei-Truck, den das britische Paar Iona Stewart und Martin Hill in ein Mini-Apartment verwandelt hat.

Fotos (c): Michael Fuehrer, Navigation Nowhere


Dir hat der Beitrag gefallen? Dann teile ihn mit deinen Freunden!

Bitte bewerte diesen Beitrag:

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (4 Bewertungen, Durchschnitt: 4,75 von 5)
Loading...

Bei einer Bewertung speichern wir deine IP-Adresse um Mißbrauch zu verhindern. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back To Top