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Irland Reisebericht: Streifzüge mit dem VW-Bus über die grüne Insel

Irland Reisebericht: Streifzüge mit dem VW-Bus über die grüne Insel

„A windy day is not a day for thatching“ – irische Streifzüge mit dem VW-Bus

Es gibt so Reisen, von denen zehrst du ewig. Du spürst immer noch den Geschmack des Landes auf deinen Lippen, hörst das Lachen der Menschen, spürst die Luft und die Sonne. Eine solche Reise war unsere nach Irland vor einigen Jahren, und auch wenns nur wenig Sonne gab, es war ein wunderbarer Trip mit unserem alten VW-Bus auf eine Insel, die unser Herz im Sturm erobert hat. Auf diese Reise nehme ich dich heute mit.

„If you have the words, there’s always a chance that you’ll find the way.“ (Seamus Heaney)

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Es ist Juni, die Fähre von Cherbourg in der Normandie bringt uns rüber nach Rosslare. Zwei Dinge zum Übersetzen über den Kanal: Wenns geht, nimm die Landbridge über England. Und: Die Mischung aus Kotztabletten und Whisky versetzt dich garantiert in eine Art Schwebezustand, in dem du nicht mehr weißt, ob du torkelst oder die Fähre schwankt.

Ja, und dann sind wir da. Runter von der Fähre und endlich in Irland. Wir zwei, Eberhard und Barbara, und unser alter roter VW T3, ein braver Muli. Erste Etappe: Von Rosslare nach Dublin.

„There are no strangers here; only friends you haven’t yet met.“  (William Butler Yeats)

Dublin

In zweieinhalb Tagen in Dublin haben wir die Stadt erkundet, uns durch die Atmosphäre treiben lassen, die ein oder andere Pint getrunken, Irish Stew und Fish ‚n‘ Chips gefuttert, den Kaninchen auf dem Campingplatz zugeschaut und der Deutschen Nationalmannschaft beim Verlieren der Europameisterschaft, Guinness über den Dächern der Stadt getestet, mit einem Haufen Dublinern und Gästen zur Musik gefeiert und vor allem: uns unsterblich in die Iren verliebt!

Für eine Hauptstadt ist Dublin erstaunlich entspannt. Wir sind nicht so sehr die typischen Sehenswürdigkeiten-Abklapperer, eher die Asphalt-Cowboys, die sich gerne etwas abseits des Mainstreams bewegen. Dafür ist Dublin super geeignet, da die Stadt relativ kompakt ist und du viele wichtige Orte, Museen und Parks zu Fuß erreichen kannst. Und durch Gegenden streunen, wo die meisten Touristen eher nicht hinkommen – an Carrolls Irish Gifts kommen wir aber auch nicht vorbei. Um mal schnell zum Guinness Storehouse, in den Phoenixpark oder zu Jamesons zu kommen, nutzen wir den Hop-on-Hop-off-Bus. Aber das, was die Stadt ausmacht, sind wirklich die Menschen. Ihre Freundlichkeit und vor allem Gastfreundlichkeit. Wirklich fast jeder, der uns begegnet, wechselt ein paar freundliche Worte mit uns. Du fühlst dich ganz schnell heimisch, bei diesen Iren.

Dabei, wir schreiben das Jahr 2012, sind die Folgen der Bankenkrise gerade in Dublin überall gegenwärtig, liegen Baustellen brach, haben Menschen ihren Job, ihr Haus, ihre Existenz verloren – aber nicht die Hoffnung, nicht die Lebensfreude.

Galway

Let‘s go West – weiter Richtung Galway. Wir erwarten eine junge und kreative Stadt und landen – bei der Schlussetappe des Ocean Race. Einem Mega-Segelevent. Und so ist halb Irland an diesem Sonntag in Galway. Wir quetschen uns auf dem Campingplatz, auf einen Ministellplatz mit ganztägiger und -nächtlicher Generatorbeschallung. Also ergreifen wir die Flucht und laufen trotz Regen in die Stadt. Um es abzukürzen: Viel mehr außer Regen, ein paar Schiffe, das Innere eines Pubs und ein paar Fressstände beim Ocean Race sehen wir von Galway nicht. Irgendwann kommen wir wieder. Ohne Race und ohne Regen, schon wegen Jack Taylor. Versprochen!

„Yesterday was weather for the pub. Only for the pub“ (Der Metzger von Clifden)

Connemara

Wir fliehen also weiter nach Connemara. Die Wiesen und Weiden hüllen sich in dicke Wolken, es riecht moorig und nass. Ein wildes, ein einsames Land. Ab und an ein paar Schafe. Wir irren durch schmale Wallheckenwege, cruisen an manchem Fjord entlang. Und plötzlich kommt die Sonne raus, für einen winzigen Moment taucht sie die Landschaft in ein übernatürliches Licht. Wow!

Wir beziehen unser Lager auf dem Connemara Caravan and Camping Park. Genauer gesagt auf einer Wiese, nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Die Mobilhomes nebenan sind jetzt größtenteils unbewohnt, wir haben deutlich mehr Esel und Schafe als Nachbarn denn Menschen. Ganz oben auf dem Hügel steht ein einsames Zelt.

Der Regen macht eine Pause und wir befolgen den Rat:

„If it’s not raining, you shouldn’t have a roof over your head“ (Campingplatzbesitzerin in Connemara)

Unser Buszelt ist relativ groß, aber du musst zu zweit sein, um es ordentlich hingestellt zu bekommen. Der Regen schenkt uns eine Aufbaupause. Und eine Strandpause mit Klippen und Meer, einem fantastischen Sonnenuntergang. Nachts hören wir – nichts. Tagsüber die Esel und die Schafe. Ja, genau so muss das Paradies sein.

Wir erkunden die umliegenden Fjorde mit dem Bus und holen uns frischen und geräucherten Lachs. Letzterer ist so lecker, dass er es nicht mit zurück zum Campingplatz schafft. Wir bewundern Schafe, die wirklich überall sind und Touristenscharen in Reisebussen. Raus, Foto machen, rein. In einer Woche um die Insel, das Beste wird dabei verpasst: Dass in Irland die Uhren ein bisschen anders gehen. Die Entschleunigung und der Genuss.

Manchmal sitzen wir einfach nur am Meer. Ziemlich viel sogar. An einem trockenen Tag fahre ich zum Connemara Nationalpark und wandere ein Stück den Diamond Hill hinauf. Von hier oben ergibt sich eine fantastische Sicht über die gesamte Küste. Im Pub von Letterfrack kredenzt uns der Wirt einen Redbreast als den besten der irischen Whiskys und wir schließen uns seiner Meinung an. Wir ernähren uns von Lamm und Lachs und könnten ewig bleiben, wenn es nicht in meinen Reiseschuhen brennen würde.

Achill Island

Mittlerweile ist es Juli und wir ziehen durch das Land nordwärts, mal die Küste entlang, mal durch Moore und Weiden. Nach Achill Island, der größten Insel des Landes.

„Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend.“ (Heinrich Böll, irisches Tagebuch)

In der Tat ist der Juni der regnerischste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Der Juli ist sich noch unschlüssig, ob er wetteifern soll. Nach Achill fahren wir so aus einer Laune heraus und ein bisschen wegen Böll, der hier ein Cottage hatte. Und wegen einem Campingplatz, der direkt am Strand liegt. Wie sich später herausstellt auch wegen der Minaun View Bar, die uns Obdach und Bier im Sturm gibt. Die drei Schwestern, die ihn betreiben, machen aus ihrem Revoluzzer-Gen keinen Hehl. Eine Spendenbüchse von Sinn Fein steht auf dem Tresen. An den Wänden hängen Sprüche, alte Fotos, Zeitungsartikel. Und ja, wegen der Schafe. In Keel sind sie überall, sie laufen durch die Vorgärten, marschieren die Hauptstraße entlang und machen es sich auf dem Golfplatz am neunten Loch gemütlich.

Ich liebe Schafe, weil…
… sie gut riechen, vor allem wenn sie nass sind (dann sogar zwei Kilometer gegen den Wind)
… sie die Stimme ihres Lämmchens aus tausend anderen heraushören (und umgekehrt die Lämmer die ihrer Mütter)
… sie ungeniert sich in Nachbars Garten die leckersten Kräuter zupfen (zumindest in Irland)
… sie unbeirrt ihren Weg gehen (solange kein Hund entgegen kommt).

Außerdem bekommst du im Fischladen oben am Berg feinen Fisch, manchmal sogar Hai. Beim Abendessen kommt der Hund der Campingnachbarn vorbei, um zu schauen, ob was für ihn abfällt und morgens grasen die Schafe zwischen Zelten und Wohnmobilen. Achill Island ist der perfekte Urlaubsort zum Entspannen, Wandern oder Rad fahren. Oder Laufen! Am Tag vor unserer Weiterreise fallen hunderte von Sportler auf dem Eiland ein, um am Achill Island Halbmarathon teilzunehmen. Mitten im Sturm kämpfen sie mit dem Aufbau ihrer Zelte, die Segeln gleich am Himmel schweben.

„It’s better to pay the butcher than the doctor“ (Sprichwort)

Sligo

Uns treibt es immer weiter nordwärts, wir gondeln durch den Ballycroy National Park Richtung Ballina bis Sligo. Rund um Sligo findest du ein paar beeindruckende Sehenswürdigkeiten wie den Tafelberg Ben Bulben oder das Carrowmore Megalithic Cemetery, der größte megalithische Friedhof in Irland. Die Stadt ist außerdem bekannt für seinen schönen Sandstrand in Strandhill, das als exzellenter Surfspot gilt. Direkt hier befindet sich der Strandhill Caravan & Camping Park. Das Wetter allerdings bleibt uns: Es stürmt, es regnet. Wir können uns mit Gedanken anfreunden, zwischen Bar und Vorzelt zu pendeln, das Meer zu genießen, die gute Luft und – gutes Essen. (Hab ich schon vom Essen geschwärmt? Die Qualität der Lebensmittel ist himmlisch. Und das deftige irische Frühstück ist absolut unverzichtbar, wenn du dich mal akklimatisiert hast!)

Donegal

Einen Tag erkunden wir den Donegal, den nordwestlichsten Zipfel Irlands. „Up here, it‘s different“ lautet der Werbeslogan des Countys und trifft den Nagel auf den Kopf. Donegal grenzt an Nordirland und ist quasi von der restlichen Republik abgeschnitten. Eine Insel auf der Insel. Noch wilder, noch einsamer. Noch windiger und regnerischer. Aber definitiv einen Ausflug wert (auch wenn es schüttet). Ein paar Tage später treffen wir uns ein Stück südlicher mit Harald, einem Auswanderer, der unter anderem einen Shop für Bogenzubehör hat. Er ermöglicht uns auf dem Bogenparcours des Mayo Archery Clubs ein paar Pfeile fliegen zu lassen und wir verleben einen tollen Tag in einem urwüchsigen Stück Wald, bei strömendem Regen, versteht sich.

„Don’t fear an ill wind if your haystacks are tied down“ (Sprichwort)

Quer durchs Landesinnere

Und dann geht es in mehreren Etappen wieder Richtung Rosslare, quer durchs Landesinnere. Eine Nacht stehen wir in Knock, oder auch Cnoc Mhuire, „Hügel der Maria“, einem bedeutenden Wallfahrtsort. Der aber außer der Kirche und dem Campingplatz nichts vorzuweisen hat. Wir folgen ein Stück dem Shannon und wundern uns, warum es permanent nach Schwefel riecht am Fluss (in Deutschland ist dann die Bordbatterie umgeben von einer dicken Stinkewolke abgeraucht, der Shannon ist also völlig unschuldig).

Quartier beziehen wir nochmal an einem See, auf dem Lough Ennell East Caravan and Camping. Eigentlich steppt hier im Sommer der Bär, doch wir sind (wetterbedingt) fast die einzigen. Schon fast etwas unwirklich, die Boote liegen verträumt vertäut am See, nur selten triffst du einen Spaziergänger mit Hund.

Auf unserer Weiterfahrt besuchen wir Lough Boora, ein ehemaliges Hochmoor, das wegen des Torfs über Jahrzehnte ausgebeutet und zerstört wurde. Mittlerweile ist es renaturiert und ein wichtiger Rückzugsort für Flora und Fauna. Von renommierten Künstlern aus aller Welt wurde zudem ein Skulpturenpark geschaffen, der sich mit dem Moor auseinandersetzt. Kultur trifft Natur, Wildnis das, was wir Zivilisation nennen, aber auch immer eine Gratwanderung von Erschaffen und Zerstören ist. Wo bewegen wir uns hin?

„There are only two kinds of people in the world, the Irish and those who wish they were.“ (Sprichwort)

Ja und irgendwann sind wir wieder in Rosslare, es stürmt wie bei der Hinfahrt, aber der Urlaub ist vorbei. In Deutschland erleiden wir einen Kulturschock, so viele Menschen, keiner schaut freundlich, jeder ist hektisch. Keiner bleibt für einen längeren Plausch stehen, schon gar kein Fremder.

In Irland gehen die Uhren anders, sind die Menschen anders, das sind die Gründe, warum ich mich immer wieder auf die grüne Insel zurück träume.

Fotos: (c) Barbara Homolka

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