Rollstuhlfahrer Fotografiert Eine Sehenswuerdigkeit In Berlin Mit Dem Handy Auf Einer Reise Mimt Rollstuhl

Gastbeitrag: Ein Leitfaden für das Reisen mit Rollstuhl

Auf Reisen darf man nicht damit rechnen, ständig DIN-Normen gerechte, barrierefreie Orte vorzufinden. Nicht überall sind Bordsteine abgesenkt, nicht jede Toilette hat Haltegriffe. Man sollte also als Rollstuhlfahrer bei einer Reise selbständig mobil, bereit und in der Lage sein, sich auf neue Lösungen für Verrichtungen des Alltags einzustellen. Das klingt vielleicht wie ein Manko und ist doch gleichzeitig eine große Stärke: wenn es Hindernisse gibt, findet sich ganz sicher jemand, der hilft, der Lösungen sucht, eine Tür aushängt oder eine kleine Holzrampe zimmert.

Unsere liebe Kollegin Ulrike, Bloggerin auf Zypresse unterwegs, hat einen Leitfaden für Camper und Reisende mit Handicap erstellt:

Das Reisen mit Rollstuhl

Reisen als Rollstuhlfahrer ist nicht schwierig und schon gar nicht unmöglich! Man kann fast überall auf der Welt Urlaub machen. Und an allen Orten trifft man auf hilfsbereite Menschen, selbst wenn es keine barrierefreie Infrastruktur geben sollte. Diese Erfahrungen haben wir immer wieder auf unseren Reisen gemacht. Ein Paradies für Rollstuhlfahrer sind ohne Zweifel die USA – was „accessibility“ angeht, haben hier mehrere Kriege mit behinderten Veteranen, die man nicht ausgrenzen konnte und die Bürgerrechtsbewegung ganze Arbeit geleistet. Aber auch sonst haben wir festgestellt, dass außerhalb Deutschlands, im Süden Europas oder in den sogenannten Entwicklungsländern. die Menschen offen dafür sind, mit uns kleinere oder größere Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Auf Reisen erleben wir die Menschen vor Ort freundlich, aufgeschlossen, aufmerksam und hilfsbereit gegenüber den Reisenden, die einen Rollstuhl dabei haben. Sie sind gern zu einem Schwätzchen aufgelegt. Und auch wir reden gern mit Menschen, erfahren von ihnen aus ihrem Leben, hören über das Bild von Deutschland in der Welt. Wir erleben die Menschen natürlich und wissbegierig im Umgang mit dem Gatten. Manchmal ein wenig neugierig, immer aber zu Hilfe und Unterstützung bereit.

Und natürlich stoßen wir mit dem Rollstuhl immer wieder einmal auf Hürden. Viele davon wären nicht nötig, etliche wären recht einfach zu überwinden. Bei anderen braucht es nur ein wenig Nachdenken bei der Planung und sie würden nicht existieren.

Ganz oft aber sind es auch einfach nur Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit oder fehlende Informationen, die das Reisen für uns schwieriger machen, als es nötig wäre.

Reisen mit Rollstuhl planen

Klar ist: Reisen mit Rollstuhl bedingt es, zu planen. Einfach drauflos fahren und schauen, wohin der Wind uns treibt? Wäre schön, aber wohl nicht wirklich eine gute Idee. Denn es gibt eine Menge zu bedenken, egal ob man in ein Hotel reist, eine Ferienwohnung mietet, ob man campt, ob man fliegt oder mit dem eigenen PKW unterwegs ist. Und nicht nur wir Reisende müssen unsere Wünsche und unbedingten Anforderungen klar formulieren. Ebenso wichtig ist es, diese auch schon vorher mit unseren Reisezielen zu besprechen. Jedes Restaurant ist froh, wenn man einen Tisch reserviert und darauf hinweist, es ist ein Rollstuhl unterzubringen. Dann kann dies bereits bei der Tischvergabe berücksichtigt werden. Im Hotel gibt es womöglich ein behindertengerechtes Zimmer, aber die Kriterien sind überall anders. Also gilt es, zumindest die Maße des eigenen Rollstuhls parat zu haben und vielleicht auch zu überlegen, ob es andere Hilfsmittel gibt, die wichtig wären. Wie erreicht man bequem das Bett, die Toilette: gibt es z. B. eine bevorzugte Seite, an der es mehr Platz braucht?

Ganz wichtig ist es auch, sich im Vorfeld Gedanken übers Packen zu machen. Es gibt zahllose Packlisten im Internet. Allerdings gehen auf die besonderen Anforderungen für Reisende mit Rollstuhl kaum welche ein. Also denk darüber nach, was Du auch zu Hause benötigst. Das sind natürlich Hilfsmittel oder Medikamente, die Du verbrauchst, aber es ist mehr, was mit auf Reisen gehen sollte. Bei uns gehören zur Standardausrüstung auf Reisen immer Flickzeug (platte Reifen kann es wirklich überall geben), Luftpumpe, WD40 Spray (wie oft war da schon mal etwas völlig festgerostet, nach Kontakt mit Salzwasser oder auch Dreck), Putzläppchen (nicht um den Rolli zu wienern – aber wer ölt, muss auch putzen) und Ersatzteile für Verschleißteile am Rollstuhl (Kugellager, Schläuche). Auch immer dabei sind Einmalverbinder. Damit haben wir z. B. schon Taschenriemen geflickt, rutschende Betten aneinander befestigt, Halterungen improvisiert.

Essen und Schlafen

Die Suche nach Reisezielen, nach Hotels, Restaurants oder nach Sehenswürdigkeiten beginnt heutzutage für uns im Internet. Wie schön wäre es, wenn wir auf allen Webseiten auch Informationen für Menschen fänden. Zum Glück kann man bei vielen Buchungsportalen inzwischen als Suchkriterium auch nach Kriterien für mobilitätsbehinderte Gäste selektieren. Seltener finde ich diese Informationen unmittelbar auf der Homepage von Hotels oder Restaurants. Dabei sind es oft Kleinigkeiten, die Gästen mit Handicap einen Besuch um vieles leichter machen:

  • die entsprechenden Informationen auf der Homepage
  • Begleithunden sollte selbstverständlich Zugang gewährt werden; wenn es für sie dann noch eine Schale mit Wasser gibt, das wäre schön
  • eine Behindertentoilette ist kein Lagerraum, z. B. für Putzmittel oder Müllsäcke
  • zur Barrierefreiheit von Rollstuhlfahrertoiletten oder –duschen, von Hotelzimmern gehören zB. auch
    • ein Duschkopf, der in erreichbarer Höhe für den Rollstuhlfahrer platziert ist (und nicht täglich von den Reinigungskräften wieder auf Stehhöhe gehängt wird)
    • Sitzflächen, Haltegriffe, die auch so stabil angebracht sind, dass sie benutzbar sind
    • Haken, Kleiderstangen, Türspion auf Rollstuhlhöhe angebracht
    • das Telefon erreichbar platziert
    • vom Rollstuhl aus erreichbare Ablageflächen für Kleidung, Taschen etc.
  • bei Tischreservierungen in Restaurants
    • sollte der Tisch mit einem Rollstuhl erreichbar sein, sich also nicht auf einem Podest befinden und ebenso wichtig, er sollte mit einem Rollstuhl unterfahrbar sein (ein hoher Bistrotisch, wie sie derzeit zunehmend in Mode kommen, ist für Rollstuhlfahrer völlig ungeeignet)
    • der Rollstuhlfahrer sollte während seines Besuchs weder anderen Gästen, noch dem Servicepersonal im Wege sein, also z.B. nicht in Durchgängen, vor Türen o.ä. seinen Platz finden

Allerdings verlassen wir uns nie, wirklich niemals, auf die entsprechenden Angaben in Datenbanken. Im Gegenteil, ich habe mir angewöhnt, immer noch einmal unmittelbar mit dem Gastgeber bzw. der Rezeption des gewünschten Hotels per Mail oder Fax zu korrespondieren. Dabei stelle ich unsere Anforderungen an die Unterkunft auch noch einmal sehr genau dar, schreibe also z.B. dass wir keine Stufen oder allenfalls eine mit einer maximalen Höhe von 10 cm haben dürfen, wie breit die Türen sein müssen, weise auf die Notwendigkeit von ausreichend Raum neben dem Bett oder auch im Bad hin, teile mit, dass wir uns eine unterfahrbare Dusche wünschen usw.

Meist erhalte ich eine freundliche Auskunft, die Zusage eines barrierefreien Zimmers wie gewünscht. Manchmal telefoniere ich mit unseren künftigen Gastgebern, ich habe schon Fotos bekommen oder eine Mitarbeiterin ist mit einem Zollstock durchs Haus gelaufen. Oft genug hat sich aus unserer Nachfrage ein netter Mailkontakt ergeben – und wenn wir später anreisen, haben wir das Gefühl, wir besuchen gute Bekannte. Leider gibt es aber tatsächlich auch immer wieder Hotels, die auf entsprechende Mails oder Faxe einfach nicht reagieren. Und ab und an kommt es tatsächlich vor, dass ich eine bzw. mehrere Bestätigungen unserer besonderen Anforderungen habe und dennoch die barrierefreie Einheit anderweitig vergeben wurde. Dann hilft nur noch, auf verständnisvolle Reisende, die das Zimmer tauschen oder eine andere geeignete und freie Unterkunft zu hoffen.

Fliegen mit Rollstuhl

Viele große Fluggesellschaften haben auf ihren Seiten einen Link, auf dem zu lesen ist, wie man einen Rollstuhlfahrer anmeldet, um die benötigten Hilfen beim Ein- und Ausstieg zu erhalten. Dies geht entweder telefonisch oder auch schon mit einem elektronischen Formular. Und die Fluggesellschaft will dabei einiges wissen: die Größe des Rollstuhls und sein Gewicht, es gibt unter Umständen medizinische Fragen zu klären und mehr. Sobald wir unseren Flug gebucht haben, melde ich den Rollstuhl für den Flug an. Zur Sicherheit wiederhole ich dies erneut etwa 3-4 Tage bevor es losgeht (und auch noch einmal, bevor der Rückflug startet).

Bei den meisten Airlines können die ganz spezifischen persönlichen Bedürfnisse für die Flugreise mit den Mitarbeitern besprochen werden. Gerade auf Langstreckenflügen sind inzwischen viele Flugzeuge mit behindertengerechten Toiletten ausgestattet und verfügen über Rollstühle, die an Bord benutzt werden können. Die Fluggesellschaften reservieren z.B. ohne Aufpreis geeignete Sitzplätze mit vereinfachtem Zugang – durch bewegliche Armstützen – für den behinderten Reisenden und auch die Begleitung. An den meisten Flughäfen kann der eigene Rollstuhl bis zum Abfluggate benutzt werden.

Gerade bei internationalen Flügen ist allerdings wichtig, dass im Vorfeld klar kommuniziert wurde, welche Anforderungen der Fluggast besitzt. Hierfür gibt es die sogenannten Special Service Request-Codes, kurz SSR-Codes. Wir melden Flugreisen daher mit dem SSR-Code „WCHC“ an. Das bedeutet: Rollstuhl an Bord, Fluggast benötigt Onboard-Rollstuhl und muss umgesetzt werden. Um unnötigen Aufwand am Flughafen, ebenso wie nicht informiertes Servicepersonal zu vermeiden.

Einige weitere (aber nicht alle!) SSR-Codes sind:

  • BDGP – Blinder oder sehbeeinträchtiger Fluggast mit Blindenhund – keine weitere Assistenz benötigt
  • BDGR – Blinder oder sehbeeinträchtiger Fluggast mit Blindenhund – Begleitung vom Terminal zum Flugzeug und zurück erforderlich
  • BLND – Fluggast blind
  • DEAF – Fluggast taub
  • MEDA – Medizinisches Gerät mit Sauerstoff
  • WCHR – Rollstuhl zur Rampe – Fluggast kann Stufen überwinden und selbständig in der Kabine bewegen, benötigt aber Assistenz bis zum Flugzeug

Mobil mit Rollstuhl

In den USA, in Australien und in Südafrika ist das Anmieten eines behindertengerechten – mit Handgas und -bremse ausgestatteten – Fahrzeuges ohne Mehrkosten kein Problem. Selbst wenn wie wir es mehrfach erlebt haben, dass deutsche Reiseveranstalter den von ihnen bestätigten Sonderwunsch doch nicht an den Zielort weiter geleitet haben, so haben wir bisher immer ein Auto nach unseren Wünschen erhalten: nach spätestens zwei Tagen (in Südafrika, und das Fahrzeug konnten wir dann unterwegs austauschen, mussten also nicht an den ursprünglichem Anmietort zurück!), in den USA sogar innerhalb einer knappen Stunde.

Durch Erfahrung haben wir gelernt, ein paar Tage bevor es losgeht, bzw. bevor wir am nächsten oder übernächsten Ziel ankommen, dort nochmals per Mail, Fax oder Anruf daran zu erinnern, dass wir kommen und dass wir wegen des Rollstuhls besondere Wünsche haben.

Unsere Erfahrungen in den letzten mehr als 30 Jahren, die wir inzwischen gemeinsam mit Rollstuhl reisen, haben gezeigt: es geht fast alles. Und wenn man sich bei bestimmten Unternehmungen nicht sicher ist, lohnt das Nachfragen. Gastgeber, die es wollen, finden fast immer eine Lösung. Häufig eine überraschend einfache. Insgesamt haben wir immer wieder festgestellt, wieviel unbefangener man außerhalb Deutschlands mit behinderten Gästen umgeht, wieviel mehr auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung geachtet wird. Und im Ausland, das liegt in der Natur der Sache, ist es eben nicht wie zu Hause. Aber ist nicht gerade das der Reiz des Reisens?

Zypresseunterwegs.de ist ein Reiseblog zum Reisen in Europa, Südafrika und der Welt. Aus persönlicher Begeisterung gibt es auch eine ganze Reihe von Rezepten und Berichten, rund um landestypische Küche oder Essen auf Reisen. Ich reise gelegentlich allein, meistens allerdings gemeinsam mit meinem Mann. Er benutzt einen Rollstuhl, daraus resultiert ein Schwerpunkt des Blogs bei barrierefreien Reisen.

Website: www.zypresseunterwegs.de

Titelbild: © visitBerlin, Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Fotos: (c) Pixaby

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Sitze selber auch im Rollstuhl, aber deshalb nicht mehr in den Urlaub??
    Bestimmt nicht, will doch nicht Zuhause versauern.
    Werde diesen Links weitergeben, um Mut zu machen.

    Liebe Grüße Moni

    1. Liebe Moni,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar. Genau das wollen wir mit unserer Serie auch zeigen: Mit Handicap ist das Leben noch lange nicht vorbei! Wir kennen selbst etliche Camper im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen, die im Reisen total aufgehen. Bald wird es übrigens noch mehr „Mutmachgeschichten“ geben 🙂 Liebe Grüße und auch dir weiterhin wundervolle Urlaube! Nele

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