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Weltreise im Wartemodus – Vanlife und Corona, Teil 1

Weltreise im Wartemodus – Vanlife und Corona, Teil 1

Im umgebauten Camper reisen, Lichterketten an den Fenstern, Meeresrauschen in der Ferne und einfach hinfahren, wo man möchte. Bis plötzlich ein winziges Virus kommt und alles infrage stellt: Die Reise abbrechen und schnellstmöglich zurück nach Hause? Einen ruhigen Ort finden und im Ausland ausharren? Und was ist mit allen, die noch gar nicht losgereist sind aber praktisch schon im Camper sitzen und die Wohnung gekündigt haben?
Im ersten Teil unseres Berichts haben wir mit Reisenden gesprochen, deren großer Trip unmittelbar bevorstand und die nun teils ohne Wohnung in die Ungewissheit blicken. Wie es ihnen geht, was sie jetzt machen und wovon sie träumen.

ThunderPanda in der Ferienwohnung

Ende 2019 das Apartment gekündigt und die Jobs aufgegeben. Katja und Yves von ThunderPanda haben große Pläne und sind bereits erfahrene Globetrotter. Das deutsch- schweizerische Paar hat sich vor zehn Jahren auf Tonga in der Südsee kennengelernt, während sie beide auf Solo-Weltreise waren. „Trotzdem ist es immer wieder ein komisches Gefühl, sich von der Sicherheit zu trennen“, gibt Katja zu. „Allerdings besiegt die Vorfreude auf das Abenteuer am Schluss die zweifelnden Gefühle.“

Vor einiger Zeit, auf der CMT Reisemesse in Stuttgart, besichtigten Katja und Yves zum ersten Mal Wohnmobile. Zuvor waren sie viel mit Backpack und Rad unterwegs gewesen. „Am Ende stand fest: Wohnmobil ja, aber nicht von der Stange. In Hinblick auf unser Budget kam damit nur der Selbstausbau infrage“, erinnert sich Yves. „Wir haben angefangen, online zu recherchieren, mindestens tausend Youtube-Videos geschaut und wurden bestätigt – ja das schaffen wir auch!“
Die beiden kauften einen Peugeot Boxer von 2016, der erst 8.000 Kilometer gelaufen war und bauten ihn so um, dass er dem Paar ein möglichst autarkes Leben bieten würde. Solarpaneele, eine separate Lithiumbatterie, 100 Liter Frischwasser, 90 Liter Abwasser, Duschwanne und Boiler. „Wir haben unseren Van ThunderPanda getauft, weil er groß, weiß und gemütlich ist und sogar mit 130 Stundenkilometern über die Autobahn donnert“, sagt Katja lachend.

Mobiles Leben während Corona: Hürden und Auswege

Am 16. März sollte es schließlich losgehen. Für ein bis zwei Jahre. Erst ins Baltikum und nach Skandinavien, dann von Finnland nach Russland Richtung Zentralasien. Von dort nach China, Pakistan und Indien bis nach Saudi-Arabien, Jordanien und Israel. Am Ende über die Türkei und Russland zurück durch Osteuropa. Dann kam Corona.

„Am 16. März haben wir die Schlüssel für unsere alte Wohnung übergeben“, sagt Yves. „Am selben Tag wurden die Grenzen von und zur Schweiz geschlossen.“ Ein Schlag ins Gesicht, denn eigentlich sollte es jetzt losgehen mit dem Trip. Durch eine Bekannte in Peking hatten die beiden die Folgen des Coronavirus bereits mitbekommen. „Deswegen hatten wir unsere Reiseroute gerade in Bezug auf Asien mental bereits leicht abgeändert“, fügt Katja hinzu.

„Trotzdem. Als das Virus in Europa eintraf und wie eine Welle alle Länder überflutete, passierte alles so plötzlich. Wir wussten nicht, wie die Schweizer Regierung reagieren wird“, berichtet Yves über ungewissen Stunden. Viele Fragen und Emotionen waren da. „Würde es eine Ausgangssperre geben? Könnten wir in unserem Van bleiben und bekommen wir noch irgendwo Frischwasser? Was würde passieren, wenn wir krank werden würden?“

Die beiden beschlossen, zur Sicherheit in eine Ferienwohnung auf dem Land zu ziehen, wo auch das Wohnmobil einen Stellplatz fand. „Wir sind unseren Vermietern sehr dankbar, dass wir so freundlich während der Krise aufgenommen wurden“, freut sich Katja. Doch der Frust ist da. „Wir hatten alles geplant, Visa beantragt, das Carnet de Passage eingeholt [ein Zolldokument zur vorübergehenden, zollfreien Einfuhr von Motorfahrzeugen],…“
Im Moment hofft das ThunderPander-Team, dass sie Schritt für Schritt erst einmal die Schweiz und dann vielleicht Europa bereisen können.
„Falls die Grenzen bis Winter geschlossen bleiben, werden wir uns wieder Arbeit suchen, da die Schweiz als Quarantäneland ohne Job eine echte finanzielle Herausforderung ist“, sagt Yves seufzend. Doch aufgeben wollen die beiden nicht. „Verschoben ist nicht aufgehoben. Als Reisender muss man sowieso flexibel sein und hat immer einen Plan A, B, C oder D in der Tasche“, gibt sich das Paar kämpferisch.

Familie Biel auf Privatgrundstück im Lastwagen

Zu einem ähnlichen Zeitpunkt hat die Coronakrise auch Familie Biel aus Mecklenburg-Vorpommern getroffen. Anika, Thomas und Sohn Leandro standen mit ihrem umgebauten Lastwagen Schleppo kurz vor der Abreise. Für sie ging es allerdings nicht in eine Ferienwohnung, denn Schleppo ist ihre Wohnung.
„Den Namen hat sich unser Sohn ausgedacht“, sagt Anika Biel lachend. Der Wagen ist ein Mercedes Atego 818 Baujahr 2004. „In seinem ersten Leben war er ein Blumentransporter.“
2017 kaufte die Familie das Fahrzeug und baute es in Eigenregie in eine mobile Wohnung mit Schlafzimmer, Spielbereich, Bad, Küche und Wohnbereich um. „Alles nur etwas kleiner als in einer echten Wohnung“, erklärt die Familie stolz.

Die Biels arbeiten im medizinischen Bereich. Schon 2018 kaufte sich Anika als Ausgleich zum Beruf einen alten Wohnwagen. „Allerdings nicht zum Campen, sondern nur zum Renovieren.“ So zumindest der Plan. „Irgendwann sind wir doch für eine Nacht los und haben direkt ein kleines Abenteuer erlebt: Wir sind mit unserem grellgrünen Wohnwagen in eine CSD-Parade in Amsterdam geraten. Das war so ein tolles, lebendiges Gefühl abseits des normalen Alltags – das wollten wir öfter haben.“ Aus dem Wohnwagen wurde am Ende ein Lastwagen, in den die Familie im März 2020 vollständig eingezogen ist. Dann sollte es auf große Fahrt gehen. Eigentlich.

Privater Stellplatz und gesundheitliche Verantwortung in Corona-Zeiten

„Wir wollten noch einen Zwischenstopp bei unseren Familien einlegen und dann ab Mitte April auf Europatour“, berichten Anika und Thomas. „Geplant war, an der deutschen Nordsee anzufangen und dann an der Küste südlich entlangzufahren bis nach Portugal.“ Ein festes Ende der Reise war nicht eingeplant. Die Familie wollte so lange reisen, bis einer keine Lust mehr haben würde, das Geld ausginge oder ein festes Zuhause zum Wunsch werden würde.

Als das Coronavirus nach Europa kam, war die Familie noch in Deutschland. „Wir stehen momentan auf einem privaten Grundstück und können dort auch länger verweilen. Da haben wir großes Glück. Wir haben keine Wohnung, in die wir hätten zurückkehren können“, erklärt das Paar. „Wir haben uns allerdings Gedanken um die medizinische Versorgung gemacht und uns aufgrund unserer Berufe überlegt, wie wir zwischenzeitlich das Gesundheitssystem unterstützen können.“

Pläne für die Zukunft mit Schleppo on Tour

Auch sonst war der Familie das gesundheitliche Wohl aller stets wichtiger als der Traum vom Reisen. „Unsere größte Sorge galt und gilt unseren Familienmitgliedern, die der Risikogruppe angehören. Reisen ist ein Luxusgut, wir haben für alle getroffenen Maßnahmen Verständnis. Natürlich haben wir uns den Start anders vorgestellt, aber wenn durch die Einschränkung Menschenleben gerettet werden kann, warten wir gerne ab“, sagt Anika Biel fest. Sollte touristische Reisen wieder erlaubt sein, wird die Familie losziehen. „Wir werden dann selbstverständlich alle Hygieneregeln beachten. Unser Schleppo ist autark, das heißt, dass wir die Kontaktsperre sehr gut einhalten können.“

Schlechte Erfahrungen mit Einheimischen, die ihrem Lebensstil und dem Laster mit Skepsis begegnen, haben die Biels vor Ort bisher nicht gemacht. „Wir nutzen die Zeit jetzt, um noch einige Dinge an Schleppo zu optimieren. Eigentlich wollten wir die Reise dazu nutzen, unsere Familienzeit zu erhöhen. Das können wir aber im Grunde an jedem Ort, daher spüren wir keine wirkliche Verunsicherung. Wir fahren, wenn wir können – wir warten entspannt, wenn wir müssen.“

Fotos (c): Yves Delessert // Anika Biel

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