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Gestrandet im Schnee und am Meer – Vanlife und Corona, Teil 2

Gestrandet im Schnee und am Meer – Vanlife und Corona, Teil 2

Morgens am Waldrand oder mit Strandblick aufwachen, die nächsten Standorte recherchieren, die Ungebundenheit genießen. Leben im Van oder Wohnmobil scheint grenzenlose Freiheit zu geben. Doch nun sind genau diese Grenzen geschlossen. Wegen Corona. Und nicht jeder konnte oder wollte seine Langzeitreise und sein Nomadenleben abbrechen. Im zweiten Teil unseres Berichts über Vanlife während der Pandemie haben wir zwei Busse auf Weltreise aufgespürt – mit zwei Paaren, die sich gegen das Ende der Reise entschieden haben. Darunter ein besonders verrückter Krimi mit georgischen Dorfbehörden und russischen Maschinengewehren.

The Tiny Riders auf der Flucht statt auf der Reise

Roland und Silke sahen es kommen. Irgendwie. Sie saßen in ihrem Overlander in der Türkei, als sich das Coronavirus langsam von China aus über die Welt verteilte. „Wir beobachteten sehr genau, wie sich die verschiedenen Staaten verhielten und wie die Fälle dokumentiert wurden“, erinnert sich Roland an die Situation Anfang März. Als The Tiny Riders war das Paar da schon eine Weile mit ihrem nicht wirklich kleinen, aber dafür sehr autarken Fahrzeug unterwegs. Auf Weltreise. Aufgrund der politischen Lage mit der militärischen Offensive in Idlib zog es Roland und Silke ohnehin von der Türkei nach Georgien.

Hier wollten sie eigentlich ein paar Wochen bleiben. „Aber unsere Beobachtungen ließen uns den Aufenthalt auf fünf Tage kürzen“, erklärt Silke. Schulen und Kindergärten waren bereits geschlossen und beim Landwirtschaftsministerium in Tiflis wurden die beiden von Polizisten verscheucht, als sie versuchten, amtsärztliche Gesundheitszeugnisse für ihre Hunde für die geplante Weiterreise nach Russland zu bekommen. Die Gebäude standen unter Quarantäne. „Über abenteuerliche Wege in Dorfbehörden gelangten wir am späten Abend schließlich an die Gesundheitszeugnisse und sind dann zügig über die Heerstraße Richtung russische Grenze gefahren“, berichtet Roland.

Russland: bedrohliche Situationen auch ohne Corona

Dort wurde Corona damals noch als ungefährlich eingestuft. „Doch wir bekamen trotzdem einen sehr guten Eindruck, wie die Dinge in Russland so laufen“, sagt Silke seufzend. „Ganz abseits von gesundheitlichen Bedenken wurden wir alle fünfzig Kilometer angehalten und kontrolliert. Das ging von Fahrzeugkontrollen über Passkontrollen bis zu einer Situation, wo wir abgeführt wurden und in einem Schuppen von Polizisten mit Maschinengewehren auf Souvenirs angesprochen wurden. Einmal ist ein Polizist mit unseren Pässen lachend weggelaufen. Dann wurde er von einem Kollegen eingefangen und zur Ordnung gerufen.“
„All diese Erfahrungen haben uns gezeigt, dass wir nicht erleben wollen, was sich die einzelnen russischen Republiken einfallen lassen, wenn erst einmal Corona im Land tobt“, sagt Roland ernst.

Ab sofort warf das Paar alle restlichen Planungen über den Haufen und richtete den Blick zurück auf Europa. „Uns war klar, wir müssen jetzt Gas geben. Bisher waren wir immer einen Schritt voraus, aber nun kamen wir plötzlich in Bedrängnis. Europäische Nationen schlossen nach und nach ihre Grenzen“, erinnert sich Silke an den Druck. Natürlich verlor das Fahrzeug ausgerechnet jetzt auch noch Bremsflüssigkeit und Öl. „Während in einer Wald- und Wiesenwerkstatt eine neue Dichtung gebastelt wurde, schrieben wir das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Lettland an. Unser Wunsch war, ins Baltikum einzureisen. Wir haben gute Freunde in Litauen und wir stellten uns vor, dorthin zu gelangen und auf ihrem Landsitz im Truck die Coronakrise auszusitzen.“

Doch auch daraus wurde nichts. Aus Lettland kam die Antwort, dass alles dicht sei. Roland und Silke fuhren trotzdem Richtung Europa. Als sie kurz vor Moskau die Nachricht ereilte, dass eine Einreise nach Finnland möglich sei. „Wir änderten also ein letztes Mal die Routenplanung, statt links nach Lettland, bogen wir rechts nach Finnland ab“, führt Roland die Odyssee aus. „An der Grenze konnten die Russen nichts mit uns anfangen und teilten uns nur mit, dass die Grenze für Privatpersonen geschlossen sei. Da habe ich auf unseren Truck gezeigt und dann konnten wir tatsächlich auf einmal als Lastwagen ausreisen.“ Endlich waren die beiden in der EU.

Im Exil in Skandinavien angekomen

Seitdem sind The Tiny Riders in Finnland. Hier können sie sich frei bewegen, tun es aber nicht, weil es sich einfach gerade nicht richtig anfühlt. Bis zu 25 Tage sind sie in ihrem Overlander autark und suchen abgelegene Standorte auf. 450 Liter Frischwasser, ein großer Kühlschrank und Solarzellen auf dem Dach gehören zur Standardausrüstung. „Die Solarzellen für unser 320 Ampere Lithium-Batterie-System müssen hier im Norden mal vom Generator, mal von den mobilen Solarpaneelen unterstützt werden. Dieses Stromkonzept stellt sich in der skandinavischen Isolation als exzellent dar“, freut sich Silke. „Und unsere Wasserstand-Heizung braucht zwar immer etwas extra Aufmerksamkeit, aber Warmwasser haben wir auch durchgehend.“

„Wir treffen uneingeschränkt auf nette Menschen, die völlig verwundert sind, wie wir es ins Land geschafft haben“, erklärt Roland lachend. „Ab Georgien lag bei uns eine Fluchtatmosphäre in der Luft. Zuerst war es eine Flucht vor einem unsichtbaren Gegner und dann vor den Restriktionen. Am Ende dann als europäischer Bürger die Einreise in die EU verweigert zu bekommen, das hatte eine ganz besondere Qualität.“

Nun genießt das Paar die Ruhe in der Einsamkeit. Dazu gehören lange Wanderungen über zugefrorene Seen und verschneite Wälder. „Alles, was wir wirklich haben, ist das Jetzt. Wer weiß, wann die Grenzen wieder offen sind für uns Overlander. So viele Menschen können nie so eine Reise machen und auch wenn wir jetzt irgendwo festsitzen, sollten wir versuchen, einfach das Beste daraus zu machen.“

Silkroad20 im Fernen Osten

Roman und Zofia von Silkroad20 sind schon eine ganze Weile unterwegs. Aber nicht von Anfang an gemeinsam. Im März 2019 startete Roman mit seinem Mercedes Sprinter von Salzburg aus. Zofia mit ihrem Motorrad in Warschau. „Wir haben uns erst in Isfahan im Iran kennengelernt und reisen seit dem gemeinsam“, sagt Roman grinsend. „Sie ist gleich mit ihrem gesamten Reisegepäck bei mir eingezogen. In Islamabad hab ich noch schnell das Bett erweitert, weil ich ja gar nicht geplant hatte, zu zweit zu reisen.“ Roman hat vor der Reise als IT-Techniker gearbeitet und Zofia arbeitet als Webanalystin von unterwegs.

Der Ferne Osten hatte für Roman schon immer eine besondere Faszination. „Es ist unglaublich spannend, die Veränderung der Menschen und ihrer Lebensweisen zu entdecken, je weiter ich von zu Hause wegreise“, findet er. Als er dann noch vom sogenannten Hippietrail hörte, war die Route klar. Los ging es nach Asien. Von der Ägäis in die Türkei, einmal quer durch den Iran zum Persischen Golf und an der afghanischen Grenze über den Karakorum Highway nach China. „Von dort weiter nach Ladakh und Kashmir und entlang des Himalayas nach Nepal. Nachdem wir Nepal von Westen bis Osten durchquert hatten, sind wir zurück nach Indien und über Myanmar nach Thailand und Kambodscha eingereist.“

Ein Strandcamp in Thailand als Rückzugsort

Wo dann die Coronakrise zuschlug. „In Kambodscha ist die Situation eskaliert und wir erfuhren über die Medien, was sich in Europa abspielt“, erinnert sich Roman. „Wir haben innerhalb weniger Stunden beschlossen, Kambodscha zu verlassen und sind sofort über die Grenze nach Thailand. Wir hörten erste Gerüchte über geschlossene Grenzen, konnten nach einem dreißigsekündigen Gesundheitscheck aber zum Glück problemlos ausreisen.“ Sorge machte dem Silkroad20-Team, dass die medizinische Versorgung in Kambodscha unzureichend war und ein Heimflug im Notfall einfacher aus Thailand heraus zu organisieren wäre. Keine Minute zu spät, denn einen Tag später schlossen die Grenzen.

„Wir waren uns bewusst, dass unsere Reise entweder sehr lange zum Stillstand kommen würde oder sogar zu Ende ist“, gibt Roman seufzend zu. „Doch nach all den Abenteuern bin ich einfach dankbar für alles, was ich erlebt habe.“ Nach der Einreise in Thailand setzte das Paar auf eine Insel über und hat sich dort einen Standort gesucht, an dem sie länger ausharren können. „Aktuell sind wir in der glücklichen Lage, unser Camp an einem wunderschönen Strand aufgebaut zu haben“, sagt Roman. Die Menschen vor Ort empfindet das Paar als distanzierter aber auch sehr diszipliniert was die Sicherheitsvorschriften und die Maskenpflicht angeht. „Wirklich schlechte Reaktionen haben wir hier noch nicht erlebt.“
So verweilen Roman und Zofia nun in Thailand. „Nach Hause zu fliegen und die Fahrzeuge hier zu lassen, ist aktuell keine Option.“

Fotos (c): The Tiny Riders // Silkroad20

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