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Ein völlig verrücktes Campingabenteuer: Es lebe der Leichtsinn!

Ein völlig verrücktes Campingabenteuer: Es lebe der Leichtsinn!

„Glückwunsch. Ihr seid die einzige Abschlussklasse, die komplett bestanden hat“, bemerkte meine Klassenlehrerin fast schon so beiläufig, dass ich Sarkasmus nicht ausschließen konnte. Dass sie vor allem mich dabei ansah, bemerkte ich erst, als ich „Yes, ihr Penner!“ brüllend vom Stuhl sprang. Was für ein Triumphgefühl! Endlich hatte ich es der Schule nach 12+, teils qualvollen, teils mehr oder weniger lehrreichen Jahren gezeigt. Mit Dyskalkulie (Rechenschwäche) gesegnet mogelte und kämpfte ich mich im wahrsten Sinne gerade so durchs System. Dank der starken Deutschnote durfte ich Mathematik ausgleichen. Eine Eins gegen eine Sechs. Fairer Deal. Die ganze Sache galt intern als Präzedenzfall und wurde heiß diskutiert, doch zuletzt herrschte wohl Einigkeit: Die Schülerin loswerden war definitiv die nervlich gesündere Option. Für beide Parteien versteht sich. 😉

Angesichts meines unerwarteten Erfolges beschloss ich damals, mich umgehend selbst zu belohnen. Und zwar, indem ich auf die Abifeier pfiff und stattdessen mit zwei Klassenkameradinnen zum Campingabenteuer nach Italien aufbrach. Zehn Tage feinster Reggae am Rototom Sunsplash Festival 2006 klangen schließlich allemal besser als feuchte Händedrücke bei der Zeugnisübergabe. Fünf Packungen Toast, drei Gläser Nutella und ein Zelt. Fertig gepackt. Los ging’s! Mein erstes Auto – ein tannengrüner Ford Escort Kombi mit hässlichen Schmetterlingsaufklebern auf den Türen – brachte uns drei arglose 18-Jährige zum „Parco del Rivellino“ in Osoppo.

Burning Spear, Andrew Tosh, KY-Mani Marley – Reggae-Künstler aus der ganzen Welt bespaßten uns dort tagelang mit ihrem Offbeat, good Vibes und herrlichen Gerüchen. Am dritten Tag wurden uns zwar die Campingstühle geklaut, doch das sollte unserer guten Laune keinen Abbruch tun. Während unsere Mitschüler gerade ihre Allgemeine Fachhochschulreife auf einer Turnhallenbühne entgegennahmen, lagen wir mit Joints in der Sonne und ließen es uns gut gehen. Außer ein paar Striemen von peitschenden Dreads, die sich ihre Wege regelmäßig durch das tanzende Volk bahnten, war unser Leben quasi schul- und somit auch sorgenfrei.

Die „fetten“ Tage sind vorbei

Freitag, die vorletzte Festivalnacht brach herein. An diesem Abend fielen wir schon früh auf unsere Isomatten, denn so langsam hatten wir genug jamaikanisches Patois gehört und sehnten uns nach unseren Betten. Was wir damals nicht wussten: Das Abenteuer sollte gerade erst beginnen.

Müde blinzelte ich ins Gesicht meiner Freundin, die bereits aufrecht im Zelt saß. „Moin“, brummelte ich ihr entgegen und griff dabei intuitiv in die Seitentasche nach meinem Handy. Ich fand es nicht. „Wie spät ist es?“ fragte ich. „Keine Ahnung, schau auf dein Handy!“ antwortete sie. Also suchte ich erneut. Nichts. Es blieb verschwunden. Langsam wurde ich etwas panisch und begann sämtliche Sachen auseinander zu wühlen. Jetzt bemerkten auch meine Freundinnen, dass etwas nicht stimmte und gemeinsam begannen wir zu suchen. Neben dem vermissten Nokia fehlten auch noch meine braune Bauchtasche samt Digitalkamera, Autoschlüssel und Bargeld. Jemand musste die Sachen nachts aus dem Zelt gestohlen haben, während wir darin schliefen! Dass der Täter nur meine Wertsachen mitnahm, stellte sich zuerst als Glück heraus. Dass es allerdings ausgerechnet meine waren, verursachte auch ein ziemliches Dilemma. Denn ohne Autoschlüssel hatten wir ein großes Problem. Hastig marschierte ich zum Parkplatzgelände. Auto noch da? Auto noch da! Puh! Meinen Geldbeutel hatte ich eher aus Routine, als aus Verantwortungsbewusstsein einige Tage zuvor unter dem Fahrersitz gebunkert. Ich besaß also immerhin noch mein Auto, meine Personalien sowie knappe 100 Euro.

Cool bleiben!

Während wir scharf nachdachten, wie wir nun am besten vorgehen sollten, erwachte in uns eine Ahnung über den Verbleib meiner Tasche. Nur zwei Nächte zuvor gesellte sich nämlich ein älterer Typ zu uns, mit dem wir eine ausgiebige Unterhaltung über unsere Pläne führten, bei der jedoch mit keinem Wort seine eigenen erwähnt wurden. Woher wir kamen, wie alt wir waren, wer schlief wo, wer besaß bereits alles einen Führerschein und ein eigenes Auto. Da machte es „Klick“. Tja, das war dann wohl ich. Scheiße. Wütend über unsere eigene Naivität, aber voller Entschlossenheit machten wir uns sofort auf die Suche nach ihm. Zuvor informierten wir noch die Festivalleitung, die uns riet, zur Polizei zu gehen. Klar, aber nicht ohne den Gauner vorher zu stellen. Tatsächlich fanden wir den Mann ziemlich schnell, der uns bei einer entspannten Lagerfeuerrunde sämtliche Informationen aus den Rippen geleiert hatte. Meine Tasche war um seine Hüften geschnallt. „Ganz schön dämlich“, dachte ich. Wie aufgescheuchte Hühner begannen wir zu kreischen und rannten auf ihn zu. Mit angehobener Augenbraue bedeutete ich dem verdutzten Langfinger, mir meine Tasche zurückzugeben, während meine Freundinnen die Security hinzuzogen. Der wilde Pulk blieb beim Feiervolk natürlich nicht unbemerkt, weshalb man uns schleunigst zur Seite zitierte. Dort wurde sogleich die Tasche geöffnet. Gebannt blickte ich hinein und war mir sicher, jetzt bekäme ich Himmel sei Dank meine Sachen wieder. Doch Fehlanzeige. Außer einer riesigen Menge Marihuana, zwei, drei Pillen und einem Feuerzeug wurde nichts hervorgekramt. Enttäuscht, aber immer noch willens, nicht so schnell locker zu lassen, bestanden wir auf einer Anzeige. Leicht entnervt willigten die Sicherheitsmänner ein, deren Augen eine gewisse Highness erkennen ließen und die eigentlich überhaupt keinen Bock auf Bad Vibes hatten. Zu spät. Schließlich konnte ich Dank des Merchverkäufers beweisen, dass ich die Tasche erst kürzlich bei ihm gekauft hatte.

„I am going to kill you all, you f*cking bitches!“

Relativ unbeeindruckt von den Drohungen des Typen, kassierten die Securities noch schnell seinen grünen Vorrat, gaben mir meine Tasche zurück und brachten ihn zur nahegelegenen Polizeistation. Im Schlepptau drei Mädels aus Deutschland mit hochroten Köpfen. Was für ein Durcheinander. Dort angekommen versuchten wir uns mit allen Sprachen, die uns einfielen zu verständigen. Ein bisschen Schulitalienisch war noch hängen geblieben. Es dauerte mehrere Stunden, bis die Beamten beschlossen, uns mit Vertröstungen zurück aufs Gelände zu schicken, denn der Ertappte blieb stumm. Kein Wort gönnte er uns. Nicht einmal, als ich ihm anbot, alles außer des Autoschlüssels behalten zu dürfen. Mir schwante nichts Gutes. Und ich sollte Recht behalten.

Mit hängenden Köpfen und einem Zettel in der Hand, machten wir uns zurück zum Festivalgelände. Der Zettel enthielt eine Telefonnummer, die einer Kfz-Werkstatt gehörte. Die italienischen Beamten hatten sie uns empfohlen. Umm umm tschakka, umm umm tschakka ertönte die fröhliche Reggae-Musik, die wir inzwischen als blanken Hohn empfanden. Eine schnöde Zeugnisübergabe erschien uns auf einmal sehr viel attraktiver. Aber nun saßen wir hier. Drei achtzehnjährige Teenies ohne Stühle, mit Striemen auf der Haut und einem Auto, das ohne Schlüssel nicht fahren wollte. Als Fahrerin und Bestohlene fühlte ich mich verantwortlich für meine Freundinnen. Also plante ich unseren Ausweg aus dem Desaster, indem ich beim Infostand um ein Telefon bat und die Werkstatt anrief. In gebrochenem Englisch servierte mir der Kfz-Meister die Idee, dass er mein Auto abschleppen, aufbrechen und kurzschließen würde, um es uns am nächsten Tag fahrbereit wiederzubringen. Erleichterung machte sich breit. Endlich eine gute Nachricht. Wie versprochen tauchte der er kurz darauf am Parkplatz auf. Vom Typ her Kettenraucher mit Schnauzbart, der seinen Blaumann höchstens mal auf der Toilette auszog. Mein tannengrüner Ford Escort Kombi mit den hässlichen Schmetterlingsaufklebern war im Nu aufgeladen und verschwunden.

„Wenn dir ein Fels vom Herzen fällt, so fällt er auf den Fuß dir prompt. So ist es nun mal auf der Welt. Ein Kummer geht, ein Kummer kommt.“ (Heinz Erhardt)

Sonntag, das Festival neigte sich dem Ende, die letzten Tschakka-Töne hallten aus den Boxen und weit und breit kein Auto in Sicht. Auf gepackten Taschen, ohne Geld, dafür mit leeren Nutellagläsern warteten wir darauf, dass der blaue Schnauzbartträger zurückkam. Die Nacht hatten wir außerhalb des Geländes bei einem österreichischen Pärchen verbracht. Zu groß war unsere Angst, dass der ertappte Dieb seine Drohungen wahr machte. Die beiden hatten Mitleid und ließen uns mit ihrem Handy die Werkstatt anrufen. Ein schlecht gelaunter Kfz-Meister polterte mich in seinem unfreundlichsten Italienglisch an, dass wir die Karre gefälligst selbst abholen sollten. Und zwar in einer halben Stunde, denn danach sei bis Dienstag geschlossen. Pronto, pronto! Wir rannten los. Schnaufend, keuchend und voller Ungläubigkeit über das, was da binnen kürzester Zeit alles über uns hereinbrach, kamen wir bei der fünf Kilometer entfernten Hinterhofwerkstatt an. Sie glich mehr einem Schrottplatz mit Hebebühne. Von weitem machte ich mein Auto aus. Noch nie habe ich es als so schön empfunden, wie in diesem Moment. Um eine kurze Unterweisung reicher und 100 Euro ärmer, fuhren wir heilfroh davon. Den Wagen niemals ausgehen lassen, bis ihr daheim angekommen seid, empfahl er uns noch. Geht klar, Meister!

Der dicke Hund zu guter Letzt

Während wir nun also zurück in die Heimat fuhren, hatten wir endlich Zeit etwas durchzuatmen und über das Geschehene herzhaft zu lachen. Fast schon stolz waren wir auf unsere Geschichte, die wir nun überall erzählen konnten. Beim Tanken überzogen wir die Kreditkarte von Mutti und kauften uns Sandwiches mit Cola. Natürlich mit unentwegt laufendem Motor, wie es uns der Schnauzbart eingetrichtert hatte. Gerade als wir den Tauerntunnel hinter uns Richtung Salzburg fuhren, begann der Kombi jedoch immer langsamer zu werden. Bergauf entschied er sich für 47 km/h, bergab immerhin für 76 km/h. LKW überholten uns hupend und wütendes Kopfgeschüttel war aus den Fahrerkabinen zu erkennen. Egal – stur fuhren wir weiter. Denn schockieren konnte uns drei inzwischen gar nichts mehr. Dachten wir zumindest. Draußen war es kühl geworden und wir fröstelten. Nach mehrmaligem Vergewissern, dass sämtliche Fenster und Türen geschlossen, sowie die Heizung an waren, hob meine Freundin die Gummimatte zu ihren Füßen hoch. Ich weiß nicht, was sie dort erwartete, aber das bestimmt nicht: Ein 20 Zentimeter großes Loch lugte hervor und wir sahen den grauen Straßenbelag vorbeisausen. „Wie bei Fred Feuerstein“ dachte ich und wusste nicht, ob ich dabei lachen oder weinen sollte. Einvernehmlich entschieden wir uns für gar keine Reaktion. Fußmatte wieder drüber und weiter ging’s. Schön entspannt mit 47-76 km/h die Autobahn entlang.

Was danach geschah

Nach 19 Stunden kamen wir schließlich unversehrt zu Hause an. Nur wenige Tage danach verkaufte ich mein Auto für sieben Euro an die Feuerwehr, denn das Loch im Unterboden bedeutete einen unwiderruflichen Totalschaden. Dort erhielt es seine letzte ehrenvolle Aufgabe als Flammenfahrzeug für Löschübungen. R.I.P. tannengrüner Ford Escort Kombi mit den hässlichen Schmetterlingsaufklebern! Meine braune Bauchtasche besitze ich heute noch. In ihr schlummert ein völlig verrücktes Campingabenteuer. Und der Dieb? Der wurde damals laufen gelassen, der krumme Hund. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute irgendwo mit meinem Nokia, meiner Digitalkamera und meinem Autoschlüssel. Gönn dir, Dude!

Titelbild-Illustration: (c) Jasmin Köchl

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