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Wohnmobil-Führerschein für Menschen mit Handicap – ist das möglich?

Wohnmobil-Führerschein für Menschen mit Handicap – ist das möglich?

In den letzten Beiträgen zum Thema Reisen und Camping mit Handicap hast du bereits einen guten Einblick bekommen, dass Reisen mit Behinderungen mit Flexibilität und guter Planung durchaus möglich ist. Besonders das Reisen im Wohnmobil erfreut sich bei Menschen mit Handicap großer Beliebtheit. Nun stellte sich für mich die Frage, wie ist das eigentlich mit dem Führerschein? Können Menschen mit Behinderung genauso einen Führerschein, speziell auch für Wohnmobile (auch über 3,5 Tonnen) machen? Und was gibt es da alles zu beachten?

Ich habe mich auf die Suche nach Antworten gemacht und mit Kurt Bartels, dem 2. stellvertretenden Vorsitzenden der BVF (Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e. V.) sowie mit Dipl. Ing. Walter Kreiter, dem Besitzer der Fahrschule Kreiter in Siegburg (Rhein-Sieg-Kreis bei Bonn und Köln), gesprochen.

Heutzutage ist die mechanische und elektronische Technik zum Glück so weit, dass Führerscheinkurse auch mit sehr unterschiedlichen Behinderungen machbar sind. So besteht nicht nur die Möglichkeit, Gas und Bremse auf der linken Seite anzubringen oder mit einem Hebel am Lenkrad zu bremsen, sondern auch, über einen Joystick zu lenken und zu bremsen.

Es gibt im gesamten Bundesgebiet Fahrschulen, die sich spezialisiert haben und Führerscheine für Menschen mit Behinderung anbieten. Diese sogenannten Handicap-Führerscheine werden speziell auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten.

Wo kann ich mich beraten lassen und wie finde ich eine Fahrschule für mein Handicap?

Inzwischen gibt es eine große Anzahl an Fahrschulen, die behindertengerechte Führerscheine anbieten. Eine sehr gute Übersicht findest du auf der Seite der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V., wo eine Liste zum Herunterladen zur Verfügung steht.

Des Weiteren kannst du dich bei den jeweiligen Fahrlehrerverbänden informieren. Auch hierzu wirfst du am besten einen Blick auf die entsprechende Übersicht bei der Bundesvereinigung und suchst dir deine zuständige Stelle heraus. Die Landesverbände in den einzelnen Bundesländern besitzen jeweils sehr gute Netzwerke und wissen über die Fahrschulen in der Region bestens Bescheid. Hier bekommst du also Auskunft, welche Fahrschule genau für deine Behinderung Angebote vorhält, sowohl für Lernbehinderungen als auch für körperliche Handicaps.

Die Landesverbände geben aber nicht nur Auskunft zu Handicap-Fahrschulen, die sich spezialisiert haben, sondern auch zum Führerschein an sich. Die Voraussetzung für das Führen eines Wohnmobils oder eines Wohnwagengespanns bis 3,5 Tonnen ist ja bekanntlich der B-Führerschein, der von sehr vielen Fahrschulen auch für Menschen mit Handicap angeboten wird. Bei dem Wunsch nach einem Führerschein für Fahrzeuge oder Gespanne über 3,5 Tonnen wird es da schon wesentlich schwieriger. Denn es gibt bisher nur sehr wenige Behindertenfahrschulen in Deutschland, die BE-, C- und CE-Führerscheine anbieten. Aber es gibt sie durchaus. Auch hierzu bekommst du bei den Fahrlehrerlandschaftsverbänden Auskunft.

Muss ich die Fahrausbildung komplett selbst bezahlen oder kann z.B. die Kasse einen Teil übernehmen?

Die Krankenkassen bezuschussen Führerscheine in der Regel leider ebenso wenig wie die Fahrzeugumbauten. Auch hier ist der Landesverband wieder die richtige Anlaufstelle. Er fördert unter Umständen sowohl den Handicap-Führerschein für B/BE als auch den Umbau des Fahrzeugs. Über die Bedingungen informierst du dich am besten vor Ort, denn in der Regel ist das an Bedingungen geknüpft. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass du für deinen Führerschein und den behindertengerechten Umbau für dein Auto einen Zuschuss erhältst.

Sehr einfach wird es auf jeden Fall, wenn du den Führerschein berufsbedingt benötigst. In diesem Fall ist eine Bezuschussung sehr wahrscheinlich, wie mir Herr Bartels berichtet.

Nicht nur der Landesverband sondern auch die Fahrschulen, die sich auf Behinderungen spezialisiert haben, geben Auskunft und unterstützen dich in der Regel bei der Suche nach den richtigen Ansprechpartnern bzw. den Anträgen zu Bezuschussungen. Aufgrund ihrer Erfahrung haben sie einen sehr guten Überblick, welche Art von Zuschüssen für behinderte Menschen möglich sind.

Über den genauen Preis des Handicap-Führerscheins lässt sich pauschal leider nichts sagen. Die Preise können je nach Fahrschule variieren. Generell lässt sich aber sagen, dass der Handicap Führerschein um einiges teurer ist, als die klassische Fahrausbildung.

Was passiert mit meinem Führerschein, wenn z.B. aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit plötzlich eine Behinderung auftritt?

Schnell ist es passiert und ein Unfall oder eine Krankheit machen das gewohnte Fahren mit einem vorhandenen Fahrzeug unmöglich, zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder einer Amputation.

Hier ist zwar kein neuer Führerschein nötig, denn die Fahrerlaubnis besteht ja offiziell. Allerdings muss der Führerschein mit Auflagen wieder „scharfgestellt“ werden. Spezialisierte Fahrschulen, Technische Überwachungsvereine (TÜV) und die DEKRA geben dir Auskunft, welche Auflagen das in deinem Fall konkret sind. Hier kannst du deine Fahrerlaubnis und eventuelle Umbauten von einem Sachverständigen prüfen lassen und eine Fahrprobe machen, damit dein Führerschein seine Gültigkeit behält.

Interview: Fahrschule für Menschen mit Behinderung

Die Fahrschule Kreiter in Siegburg besteht seit 1946 und wird in der dritten Generation geführt. Bereits seit Firmengründung werden Fahr-Ausbildungen für Menschen mit Behinderung in allen Fahrerlaubnisklassen angeboten. Die Fahrschule setzt seit jeher auf moderne und aktuelle Fahrzeuge. So hatten sie als eine der ersten Fahrschulen überhaupt einen VW Käfer mit Halbautomatik im Einsatz.

Besonders interessant: In den Anfängen des Unternehmens konnte man noch keine Fahrzeuge umrüsten lassen. Da wurde das kurzerhand von Familie Kreiter selbst übernommen und die Fahrschulfahrzeuge wurden entsprechend angepasst, so dass sie auch für Menschen mit Behinderung einsetzbar waren.

Fragen zum barrierefreien Führerschein

CamperStyle: Herr Kreiter, eine Fahrschule für barrierefreie Führerscheine ist nicht alltäglich und zählt eher als Rarität – wie entstand die Idee dazu?

Dipl. Ing. Walter Kreiter: Mein Großvater, der Firmengründer, war selbst im Krieg eingesetzt worden und dort am Ende als Fahrlehrer tätig. Nach dem Ende des Krieges hat er die Fahrschule gegründet und sich als Ziel gesetzt, die Kriegsversehrten ebenfalls ausbilden zu können. Diese sollten wie alle anderen auch die Möglichkeit bekommen, mobil zu werden.

CamperStyle: Wie sieht das heute aus? Darf jeder Mensch einen Führerschein machen? Bzw. in welchem Fall ist es nicht möglich oder empfehlenswert, eine Fahrschule zu besuchen?

Walter Kreiter: Menschen mit einem Handicap benötigen ein Gutachten von einem Facharzt mit der Ausrichtung Verkehrsmedizin. Besagt dieses Gutachten, dass eine Fahrtauglichkeit vorhanden ist, können wir mit der Ausbildung beginnen. Jedoch muss dann vor dem Ablegen der theoretischen und praktischen Prüfung eine Fahrprobe mit der zuständigen Prüforganisation absolviert werden. Bei uns ist dies der TÜV Rheinland. Der Sachverständige fertigt dann ein Gutachten an, beurteilt die Fahrtauglichkeit und stellt gegebenenfalls fest, welche technische Einrichtungen im Fahrzeug vorhanden sein müssen.

CamperStyle: Brauchen Sie als Fahrschule eine besondere Qualifikation, um Menschen mit Handicap auszubilden?

Walter Kreiter: Als Fahrschule benötigt man keine besondere Qualifikation. Es besteht jedoch die Möglichkeit, Fahrlehrer auf spezielle Schulungen zu schicken um diese weiterzubilden. Die Fahrlehrer müssen auch am Anfang einschätzen können, ob eine Ausbildung möglich sein wird – und falls ja, welche technische Hilfsmittel gebraucht werden. Und dann muss natürlich ein entsprechendes Fahrzeug vorhanden sein. Leider gibt es immer wieder Fälle, in denen Fahrschulen die Menschen mit einem Handicap bei sich annehmen und dann aber schlussendlich gar nicht in der Lage sind die Ausbildung durchzuführen.

Welche Führerscheinklassen können Menschen mit Handicap bei Ihnen machen? 

Walter Kreiter: Wir bieten für Menschen mit Handicap die Ausbildung in den Fahrerlaubnisklassen B, BE, C und CE an.

CamperStyle: Welche Fahrzeuge stellen Sie für die Fahrschüler zur Verfügung und was haben diese Fahrzeuge für besondere Ausstattung?

Walter Kreiter: Wir verfügen über einen VW Touran mit spezieller Umrüstung (eingesetzt für Klasse B und BE) und über einen MAN TGX mit entsprechender Umrüstung (Klasse C und CE).

Der Touran verfügt über eine Gasverlegung nach links, über eine Drehknopf und eine Lenkgabel (beides zum einhändigen Lenken und jeweils links oder rechts am Lenkrad anbringbar), über ein Handbediengerät am Lenkrad mit dem gelenkt und gleichzeitig die wichtigsten Dinge wie Blinker, Fernlicht und Hupe bedient werden können. Außerdem besitzt er ein weiteres Handbediengerät, mit welchem gebremst und beschleunigt wird und sich ebenfalls gleichzeitig Blinker, Hupe und Lichthupe bedienen lassen.

CamperStyle: Sind die Anforderungen zum Führerschein für Menschen mit Handicap anders, als für den allgemeinen Führerschein?

Walter Kreiter: Die Grundvoraussetzungen sind prinzipiell die gleichen. Es muss jedoch zusätzlich zur theoretischen und praktischen Prüfung die bereits genannte Fahrprobe absolviert werden. Diese liegt bei knapp 100 €. Ansonsten ist die theoretische und praktische Ausbildung bezüglich der Pflichtstunden identisch. Bei den Übungsstunden kommt es bei der Anzahl immer auf den/die Fahrschüler*in an. Da sind bei einem Handicap meist ein paar Übungsstunden mehr notwendig. Dafür erreichen wir dann aber auch unser größtes Ziel: Nämlich die selbstständige Bewegungsfreiheit mit dem PKW.

CamperStyle: Wie wird Ihr Angebot „Führerschein für Menschen mit Handicap“ generell angenommen?

Walter Kreiter: Das Angebot wird bei uns sehr stark angenommen. Wir haben dort eine Schülerkreis aus dem gesamten Rhein-Sieg-Kreis. Dies hat mit unserer sehr langen Erfahrung und mit dem speziell ausgerüsteten Fahrzeug zu tun.

Sie ermöglichen auch einen Handicap-Führerschein für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen. Also ist auch ein Wohnmobil über 3,5 Tonnen keine unüberwindbare Herausforderung mehr?

Wir bieten als eine von ganz wenigen Fahrschulen in Deutschland mit LKW-Ausbildung mit einem speziellen Handicap-Fahrzeug an. Es handelt sich um den bereits genannten MAN TGX. Damit bilden wir die Fahrerlaubnisklasse C und CE an, also LKW und LKW mit Anhänger. Mit der Fahrerlaubnisklasse C darf man Fahrzeuge, auch Wohnmobile, über 3,5 Tonnen fahren. Die kleinere Klasse C1 (3,5 – 7,5 Tonnen) können wir leider nicht anbieten. Aber mit der Klasse C darf man logischerweise auch die Fahrzeuge der Klasse C1 fahren.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Bartels und Herrn Kreiter für die vielen Informationen und Hintergründe zum Führerschein für Menschen mit Handicap. Ich hoffe, dass auch du einen interessanten Einblick in den barrierefreien Führerschein bekommen konntest.

Hast du Erfahrungen mit dem Thema? Dann freuen wir uns sehr auf einen Kommentar.

Fotos: (c) Fahrschule Kreiter

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